Erinnerungen von Pastor Brandt

Pastor C. Brandt

Chronik der evangelisch-lutherischen Gemeinde Harsum

Angefangen 1911 in Hildesheim
Fortgesetzt 1934 in Göttingen

C. Brandt, Sup. i. R.

I. Aus der älteren Geschichte von Harsum

Das Dorf Harsum geht in seinen Ursprüngen auf die vorchristlich-germanische Zeit zurück. Im Mittelalter heißt es Hardessen = Hardesheim. Hart heißt Wald (siehe Harz, Herzberg, Harsburg, Hardenberg). Harsum würde also Waldheim, Siedlung im Walde bedeuten. Dies Wort „heim“ steckt in all den auf „um“ endenden Dorfnamen der Gegen, wie Borsum, Hönnersum, Machtsum usw. Früher hielt man diese Ortschaften auf „heim“ für fränkischen Ursprung, wie die Dörfer auf „büttel“ in der Regel sächsische Gründungen sind. Sehr wahrscheinlich aber sind die älteren germanischen Ursprungs und lassen sich meist bis in die Bronzezeit 1800 – 800 vor Christo verfolgen.

Dorf, Meierhof, Gerichte und Zehnten von Harsum gehörten im Mittelalter dem Bischof von Hildesheim als Kammer- oder Tafelgut. Wahrscheinlich geht diese Dotierung auf die Gründung des Bistums Hildesheim durch Karl den Großen (Gründung zuerst in Elze, St. Peterskirche) bzw. Ludwig den Frommen ca. 814 zurück. Nach mancherlei Verpfändungen (siehe Beiträge zur Hildesh. Geschichte, Hildesh. Gerstenberg 1829, Bd. I p. 459 ff. (ursprünglich Aufsatz im Sonntagsblatt der Gerstenberg’schen Zeitung 7. Jahrgang 1814 Nr. 22) s. Urkunden dort) verkaufte Bischof Magnus 1445 seinen Besitz in Harsum an das Domkapitel in Hildesheim. Ursprünglich war der „Meierhof“, die spätere Domäne, ein adliger Hof im Besitz des dörflichen Uradels, der Herren von Hardessen, im 8. – 9. Jahrhundert.

Das Domkapitel ließ das Dorf von einem Gerichtshalter und einem Vogt verwalten, den Hof, der „Meyerhof“ oder „oblegium Harsum“ genannt wurde, durch einen besonderen Verwalter.

Unter dem Königreich Westfalen wurde Harsum durch Jérome an seinen Justizminister Simeon, einen Franzosen, verkauft. Nach der Säkularisation der geistlichen Stifter und Klöster, eingeleitet durch den Reichsdeputationshauptausschuss 1803, kam Harsum zum Domänialbesitz des Landes, zu dem es bis zum Verkauf und zur Aufteilung in neuester Zeit gehört hat.

Nachträge:
In der Hildesheimer Stiftsfehde 1519, in welcher das „große Stift“ dem Bischof von Hildesheim verloren ging, blieb ihm mit dem „kleinen Stift“, d.h. Burgen und Ämter Steuerwald, Peine, Marienburg und die Dompropstei, auch das Dorf Harsum.

Harsum war von uralten Zeiten her eine der größten Siedlungen im Hildesheim’schen und Mittelpunkt für die ganze Umgebung. Allem Anschein nach befand sich dort das Stammesheiligtum und der Platz für die Gau-Versammlung in germanischen Zeiten. Darauf deutet der Name „Speelhus“ = Spielhaus hin. Im Mittelalter hieß dies Haus „Reihehaus“. Die „Reiheleute“, d.h. die Bauern und Lehensträger, hielten dort ihre Ratsversammlungen ab wie die kleinen Dörfer auf ihrem „Thie“. Das Spielhaus diente bei Volksversammlungen zur Abhaltung von Volksspielen, Tanz und Gelage. Ursprünglich aber bedeutet der Name = Gerichtsstätte. Mit einer solchen war das Zentral-Heiligtum für den Gau verbunden. Später wurde zu örtlichen Gerichten und Festen verwandt. 1275 erscheint ein „Dominus B. parochianus“ in Hardessen als Zeuge unter einer Urkunde, das Reihehaus betreffen (Lüntzel, Ältere Diözese Hildesheim, S. 214). Noch lange befand sich in dem Hause der Gemeindekrug.

Die Reformation Luthers erfasste auch fast alle Dörfer um Hildesheim. Auch in Harsum wurde längere Jahre evangelisch gepredigt. Im Dreißigjährigen Kriege aber, nach der Schlacht bei Lutter am Barenberge (1626), in welcher Tilly den König Christian IV von Dänemark, den Führer der niedersächsischen Truppen, schwer aufs Haupt schlug und ganz Niedersachsen in seine Gewalt bekam, wurden auch Harsum, Rautenberg und die übrigen Dörfer der Umgehend von den Kaiserlichen niedergebrannt, „weil sie evangelisch waren“. In der Folgezeit wurde der Katholizismus zwangsweise wieder eingeführt.

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Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es den sog. „Harsumer Krawall“ bei Einführung eines neuen Geistlichen. Diesen hatte der Bischof eingesetzt, obwohl das Präsentationsrecht seit alten Zeiten der Gemeinde zustand. Diese weigerte sich dann auch, den Pfarrer zu empfangen. Es entstanden große Tumulte. Schließlich rückte Militär an und verschaffte dem Pfarrer gewaltsam Eingang.

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Vorstehende Nachrichten aus alten Zeiten sind das, was mir bei Abfassung dieser Chronik gerade so zur Hand war. Hoffentlich findet sich einmal unter meinen Nachfolgern ein Berufener, der die ältere Geschichte Harsums gründlich und im Zusammenhang darstellt.

Hildesheim, 12.12.1911
C. Brandt
3. Pastor an St. Andreas in Hildesheim

II. Die Anfänge der evangelischen Gemeinde Harsum

Schon seit dem 18. Jahrhundert mögen immer noch einzelne Evangelische in Harsum wie in den übrigen katholischen Dörfern der Umgegend gewohnt haben. In der Gegenreformation im 30jährigen Kriege wird es nicht gelungen sein, alle Evangelischen in den Schoß der katholischen Kirche zurückzuführen, zumal die Stadt Hildesheim und das Hinterland jener Dörfer größtenteils evangelisch blieben.

Alle diese Evangelischen wurden, wie es scheint, (später nachzuforschen b. Königl. Landeskonsistorium in Hannover und im Archiv der Andreaskirche in Hildesheim – N. B. Akten verbrannt im 2. Weltkriege) um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit Genehmigung der Kirchenbehörde „gastweise“ teils zu den nahen evangelischen Dörfern gewiesen, z.B. Algermissen zu Lühnde, Borsum zu Rautenberg, teils zur St. Andreaskirche in Hildesheim (Harsum, Hasede, Groß – und Klein-Förste, Groß- und Klein-Giesen, Marienrode und Umgebung). Ochtersum und Steuerwald wurden zu St. Michaelis in Hildesheim hinzugetan. Von Drispenstedt und Bavenstedt berichtet Lüntzel (ältere Diözese Hildesheim, S. 196, vergleiche Beiträge zur Hildesh. Geschichte a.a.O. II S. 179), sie seien bis ins 17. Jahrhundert zu St. Andreas eingepfarrt gewesen. Später trat hier dasselbe Gastverhältnis zu St. Andreas ein wie bei den übrigen Diaspora-Dörfern. Es besteht noch heute überall und gibt den Evangelischen in den Dörfern das Recht, am kirchlichen Leben der Gemeinden teilzunehmen, ihre Gottesdienste zu besuchen, Amtshandlungen durch die Pastoren vollziehen zu lassen usw. Sie haben aber kein aktives und passives Wahlrecht, werden aber auch nicht zur Kirchensteuer herangezogen.

In Harsum vermehrte sich im Laufe der Jahre die Zahl der Evangelischen durch drei Umstände:

1. Anfang der 70er Jahre ließ sich dort ein evangelischer Ziegeleibesitzer stille nieder, dessen Familie und Dienstboten ebenfalls evangelisch waren. Er hat dort gewohnt, bis er nach 1900 seine Ziegelei an seinen Nachfolger Pohl, der ebenfalls evangelisch war, verkaufte. Seine Witwe hat noch längere Jahre in Hildesheim an der Galgenbergstraße gewohnt und stiftete der neu erbauten evangelischen Kapelle in Harsum auf meine Bitte 3000 M für eine Orgel. Sie starb 1912.
2. Die Domäne Harsum wurde Ende der 70er Jahre an den noch heute in hohem Alter dort lebenden Amtsrat Lambrecht aus dem Braunschweigischen, den großen Wohltäter der Gemeinde, verpachtet bis zu ihrer Auflösung. Seine Familie und ein Teil seines Personals waren evangelisch.
3. Die Bahn Hildesheim-Lehrte, auf der Harsum wegen der dortigen großen Zuckerfabrik usw. eine nicht unbedeutende Station ist, zog eine Anzahl evangelischer Bahnbeamter dorthin.

Der Bahnhofsvorsteher, Ernst Ohlmer, ein Abkömmling von Schweden, die im 30jährigen Kriege hier hängen blieben und gut evangelischer Mann, wurde am 1. Oktober 1904 von Achim nach Harsum versetzt. Auch seine Familie ist evangelisch.

Außerdem wohnen in Harsum evangelische Arbeiter, ein Steuerbeamter, ein Landjäger, alle mit Familie, Knechte, Mägde usw., einige Mischehen mit evangelischen Kindern. 1904 hatte Harsum etwa 2200 katholische und etwa 150 evangelische Einwohner (E. Ohlmer, Die Entstehung der evang.-luth. Kirchengemeinde Harsum, Heersum 1925, handschriftlich, S. 1). Diese besuchten die Sonntagsgottesdienste in der Andreaskirche in Hildesheim. Sie hatten von den Katholiken viel zu leiden.

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Um 1900 oder etwas später war der alte Friedhof der katholischen Kirchengemeinde in Harsum, zwischen der Bahnlinie und der Landstraße am Eingang des Dorfes nach Hildesheim zu belegen, wegen Überfüllung geschlossen und ein neuer, nicht kirchlicher, sondern kommunaler Friedhof am Walde über Harsum angelegt worden. Die politische Gemeindevertretung, die fast nur aus Katholiken bestand, hatte die gesetzlich zu fordernden Begräbnisse in der Reihe der Evangelischen nicht bewilligen, sondern ihnen eine Art Selbstmörderecke anweisen wollen. Dagegen hatte der Amtsrat Lambrecht als einziges evangelisches Mitglied der Gemeindevertretung Einspruch erhoben. Seinem energischen und klugen Vorgehen war es zu verdanken, dass nun den Evangelischen auf dem Friedhof ein besonderer schöner Bezirk dicht am Walde eingeräumt wurde. Diesen Raum hatte Amtsrat Lambrecht scheinbar sich verboten, weil dort die Wurzeln der Buchen angeblich die Gräber zerstören würden. Natürlich wiesen ihn die Katholiken nun erst recht den Evangelischen zu. Aber das hatte Amtsrat Lambrecht wegen der schönen Lage gerade gewollt. Dies evangelische Stück Friedhof hatte dann der Gärtnereibesitzer Palandt in Hildesheim, ein guter Evangelischer, gratis instand gesetzt.

Zwischen Oktober und Weihnachten 1904 begrub Pastor Rehwinkel von St. Andreas in Hildesheim auf dem neuen Friedhof das Kind eines Ziegeleiarbeiters in Harsum. Dazu wurden sämtliche Evangelischen eingeladen und waren fast vollständig erschienen. Aber auch viele katholische Frauen und Kinder sahen als Neugierige zu. Sie gingen aber nicht mit auf den Friedhof, sondern stellten sich hinter der Einfriedigung am Waldrande auf und waren erstaunt über die schönen Kirchenlieder, die bei der Beerdigung von der Gemeinde gesungen wurden: So gut könnten die Katholiken nicht singen.

Bei dieser Gelegenheit stellte man fest, dass sich auf den neuen evangelischen Friedhof bereits fünf Gräber befanden. Auf die Frage Pastor Rehwinkels an den katholischen Kuhlengräber Meyer, wer denn die Beerdigungen gehalten hätte, antwortete dieser: „Niemand! Ich habe die Gräber gemacht, dann habe ich mit den Folgern ein Vaterunser gebetet und danach die Kuhle zugeworfen.“ E. Ohlmer, der diese Vorgänge in seiner erwähnten Schrift mitteilt, sagt mit Recht: „Also so werden die Lutheraner in katholischen Orten behandelt.“ Das katholische Pfarramt hatte es gar nicht einmal für der Mühe wert gehalten, das zuständige evangelische Pfarramt in Hildesheim von den Todesfällen zu benachrichtigen.

Einige Jahre zuvor, als der alte katholische Friedhof in Gebrauch war, hatte Pastor Juhle, Primarius und später Stadtsuperintendent an St. Andreas in Hildesheim, auf demselben eine Beerdigung abhalten wollen, war ihm das Betreten des Friedhofs im Amtsrecht von dem Pastor Mellin, einem höchst intoleranten Priester, untersagt worden. Erst nachdem er seinen Talar abgelegt hatte, hatte er den Friedhof betreten dürfen. Bei seiner Rückkehr zum Bahnhof hatten ihm eine große Menge Katholiken unter Johlen und Schreien das Geleit gegeben. (E. Ohlmer, o.a.O. S. 2/3).

Diese oder sonst eine vorhergehende Beerdigung ist demnach die erste evangelische Amtshandlung in Harsum seit den Tagen der Gegenreformation in Harsum gewesen, nicht die oben erwähnte Kinder-Beerdigung durch Pastor Rehwinkel. In gewisser Weise könnte man auch, wie Ohlmer meint (a.a.O. S. 4), diese Beerdigungen als die eigentliche Gründung der evangelischen Gemeinde Harsum ansehen, denn Beerdigungen sind Gottesdienste, bei denen Gottes Wort verkündigt wird und, wo das geschieht, da ist nach Confessio Augustana VII die Kirche. Aber es fehlte doch die Regelmäßigkeit der Gottesdienste, es fehlte der kirchliche Raum. Von einer eigentlichen Gemeinde konnte man noch nicht sprechen. Die Zeit für dieselbe war noch nicht gekommen.
Dagegen nahm sich nun der Evangelische Bund, Zweigverein Hildesheim, unter der Leitung seines rührigen Vorsitzenden, des Taubstummenlehrers Seel, der Kinder in Harsum an. Diese besuchten die katholische Volksschule daselbst. Am katholischen Religionsunterricht nahmen sie entweder teil oder wurden von ihm befreit, waren aber dann ohne jeden Religionsunterricht in der Schule. Dieser offenbare und unerträgliche Missstand wurde beseitigt, als etwa 1904 ein evangelischer Religionsunterricht eingerichtet wurde. Er wurde durch den Hildesheimer Volksschullehrer Roterberg, dann durch Lehrer Tostmann erteilt, und zwar zunächst in dem einzigen in evang. Besitz befindlichen Hause des Architekten und Käsefabrikanten Weferling, von Ostern 1910 an in einem Schulzimmer der katholischen Volksschule, die nach dem Gesetz dazu verpflichtet war, sobald 12 Kinder einer religiösen Minderheit vorhanden waren und für sie ein Religionsunterricht beantragt wurde. Auch die Kosten für die evangelische Lehrkraft hätte die katholische Schulgemeinde bezahlen müssen. Unsere Glaubensbrüder hatten aber hierauf verzichtet. Diese Kosten, sowie die Mietsentschädigung für den Raum im Weferling‘schen Hause trug zum geringeren Teil der Evangelische Bund, zum größeren (jährlich 100 M) Amtsrat Lambrecht. Es wurden 12 bis 15 Kinder einmal wöchentlich sonnabends von ½ 3 bis ½ 5 Uhr unterrichtet. Damit war wenigstens dem größten Notstand einstweilen abgeholfen.

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Am 16. Juni 1907 wurde ich als dritter Pastor an St. Andreas in Hildesheim in die neu gegründete 3. Pfarrstelle eingeführt. Bei der Einführung und mehr noch auf der Bezirkssynode der Stadt Hildesheim im Frühherbst 1907 sprach der Vorsitzende, Pastor Juhle, die Hoffnung aus, dass jetzt die neun Diasporadörfer im Norden der Stadt, welche zum Seelsorgebezirk der neuen 3. Pfarrstelle gelegt waren, kirchlich besser versorgt werden und insbesondere den Evangelischen in Harsum einmal besondere Gottesdienste gehalten werden könnten.

Dieser Anregung leistete ich sofort Folge, besuchte alle Evangelischen in Harsum und fand auch bald mit Hilfe des Bahnhofvorstehers Ohlmer, einem treu evangelischen Mann, einen Raum für die zukünftigen Gottesdienste. Gegenüber dem Bahnhof liegt die Pohl’sche Ziegelei. Infolge eines Prozesses zwischen Pohl und dem früheren Besitzer Stille wegen Schwamm’s im Wohnhause war die Ziegelei stillgelegt worden und sollte nach Beschluss des Ziegeleiringes noch zwei Jahre außer Betrieb bleiben. Bahnhofsvorsteher Ohlmer setzte sich mit dem auswärts wohnenden Besitzer Pohl in Verbindung und erhielt von demselben bereitwilligst die Erlaubnis, in einem weißgetünchten Esssaal der Ziegelei, in welchem roh gezimmerte Bänke und Tische standen, evang. Gottesdienste abzuhalten. Die Genehmigung der Regierung wurde erteilt, nachdem Baurat Ruhlmann festgestellt hatte, dass der Saal geeignet sei, eine größere Anzahl Personen aufzunehmen.

Es nahte nun der erste Gottesdienst. Tags zuvor machte ich dem katholischen Pastor Mellin einen Antrittsbesuch. Er nahm mich freundlich auf und war sehr redselig. Als ich ihm aber, wie es der Anstand gebot, mitteilte, dass ich die Absicht habe „Bibelstunden“ einzurichten und dass morgen die erste in der Pohl‘schen Ziegelei stattfinden sollte, wurde er eisig. Seitdem stand er mir feindselig gegenüber, hat mir auch keinen Gegenbesuch gemacht.

Am Sonntag, 8. Dezember 1907, am 2. Advent, nachmittags 3 Uhr, fand nun der erste Gottesdienst statt. Zu Fuß machten wir, d.h. zwei meiner Hildesheimer Kirchenvorsteher Müller und Mehm und einige Vertrauensmänner, uns bei Regenwetter auf den Weg und holten den Milchfuhrmann Rohde aus Drispenstedt, ein evang. Mann, ein, der uns dann auf seinem Milchwagen mit Freuden ganz nach Harsum fuhr. Hier trafen mit der Bahn noch andere Hildesheimer Herren, darunter Seel und Tostmann, ein. Die ganze Harsumer Gemeinde war natürlich erschienen, auch Amtsrat Lambrecht mit Familie. Der nüchterne Saal war durch die Freundlichkeit der Hauswirtin, Frau Struck, sowie Frau Bahnhofsvorsteher Ohlmer nett ausgeschmückt worden. Auf einem weiß gedeckten Tisch standen zwei Lichter und ein Kreuz in der Mitte. Das war der Altar. Dann sangen wir unsere schönen Adventslieder ohne Begleitung, und ich hielt der Gemeinde vor 63 Personen die Predigt über das Adventsevangelium Matthäus 21, 1-9 „Siehe dein König kommt zu dir“. Dieser Gottesdienst wurde von der kleinen Diaspora-Gemeinde mit großer Freude und Dankbarkeit begrüßt. Eine Kollekte für die Armen der Gemeinde ergab die Summe von 28 M.

Nun wünschte man Fortsetzung der Gottesdienste, zunächst einen Weihnachtsgottesdienst besonders darum, weil die Kinder noch niemals einen solchen mitgefeiert hätten. So hielt ich dann am 2. Weihnachtstage 1907 einen Weihnachtsgottesdienst ab um 3 Uhr nachmittags. Die Predigt-Ansprache hatte den Text 1. Joh 3, 1-3: „Seht welch’ eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder sollen heißen.“ Zu unserer Freude aber konnte nun schon Lehrer Tostman die Lieder und die Liturgie auf einem neuen Harmonium begleiten, welches der Evangelische Bund durch die Bemühung des Taubstummenlehrers Seel uns geschenkt hatte. Es hatte 300 M gekostet. Ferner brannten auf dem Altartische zwei dreiarmige Leuchter aus Bronze (freilich von nicht sehr schönen Formen), welche die Firma Fischer und Fassbender, Papiergeschäft in Hildesheim, warme Freunde der evang. Sache noch heute, zur Verfügung gestellt hatte. Die Teilnehmerzahl an diesem Weihnachtsgottesdienst einschließlich Kindern betrug 80, die Kollekte ergab 14 - 15 M, welche Architekt Weferling in Verwahrung nahm.

Als Schmuck für die Wand hinter dem Altartisch hatte ich ein Bild (Jesus) in Aquarell gemalt in breitem braunen Rahmen. Frau Bahnhofsvorsteher Ohlmer hatte ein schwarz lackiertes Lesepult (Wert 10 – 15 M) anfertigen lassen und gestiftet, auch einen Fußteppich vor dem Altartisch.

Ich versprach, möglichst alle 6 Wochen regelmäßig einen Gottesdienst in diesem Saal zu halten, in welchem wir trotz seiner Nüchternheit uns sehr wohl fühlten in der Gemeinschaft unseres Glaubens, des Wortes Gottes und unserer schönen Kirchenlieder und Gebete. Die junge Gemeinde war voller Dank und Freudigkeit und spürte etwas von der Glaubensgemeinschaft der Urchristenheit.

Auf Anstiften augenscheinlich des kath. Pfarrers Mellin regte sich die kath. Zeitung in Hildesheim, die „Kornackersche Zeitung“ in einem Artikel „Pflege konfessioneller Minderheiten“ gewaltig über die Einrichtung dieser Gottesdienste auf. Wir erwiderten darauf natürlich nichts.

Oberkonsistorialrat D Philipp Meyer vom Landeskonsistorium in Hannover, den ich nach dem Weihnachtsfeste besuchte, riet mir, zur Festigung der kleinen Gemeinde einen „Verein zur Abhaltung evangelischer Gottesdienste“ zu gründen und ihn zur Erlangung der Rechtsfähigkeit, damit er sich Vermögen erwerben könnte, beim Amtsgericht eintragen zu lassen. Es ist aber nicht geschehen. Die Entwicklung lief anders.

Es wurde nun eifrig für die kleine Gemeinde geworben. Im Mai 1908 beschloss der Kirchenvorstand von St. Andreas eine Kirchenkollekte zur Ausschmückung des gottesdienstlichen Raumes in Harsum, die 49,36 M brachte. In derselben Woche bekam ich für diese Zwecke ein kleines hölzernes Kruzifix anonym zugesandt, das aber nicht zu gebrauchen war. Ich bekam dann später ein Geeigneteres geschenkt. Hinter dem Abendmahlstisch wurde die Wand mit einem dunkelgrünen Tuch bekleidet, auf dem das Jesusbild wunderschön wirkte.

Am 18. Juli 1908, meinem 41. Geburtstage, hatte ich eine ganz besondere Freude. Morgens um 7 Uhr erscholl auf dem Flur meines Pfarrhauses in Hildesheim, Schuhstraße 1, frischer Mädchengesang: „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren“. Ich machte mich fertig und ging mit meiner Frau hinunter. Eins der älteren Mädchen, Else Peckmann, des von mir geleiteten Jungfrauenvereins, in welchem ich oft aus der Diasporagemeinde Harsum erzählt hatte, hielt eine kleine Gratulations- und Begrüßungsansprache und überreichte zum Schluss einen geheimnisvollen Karton als Geschenk. Ich war betroffen, aber aufs Freudigste überrascht, als mein Geburtstagsgeschenk zu Tage kam. Es waren Kelch und Patene als Abendmahlsgeräte für Harsum, beides echt silbern und ganz vergoldet, hergestellt von unserem Nachbarn, dem tüchtigen Goldschmied Blume, nach einem mittelalterlichen gotischen Kelch der St. Andreasgemeinde. Dazu hatte die alte Frau Goldschmied Blume, eine feine alte Dame mit schneeweißem Haar, ihr feingesticktes Brusttaschentuch als Vetum geschenkt, und auf dem Ganzen lag ein Myrtenkranz! Die dem 3. Bezirk der St. Andreasgemeinde angehörenden Mitglieder des interparochialen Jungfrauenvereins, unter Führung von Else Peckmann, hatten ganz in der Stille in Harsum und im 3. Bezirk von St. Andreas gesammelt und mich mit diesem wertvollen Geburtstagsgeschenk überrascht. Auch in Harsum war die Freude groß, als ich die Geräte dort auf den Altar stellen und zeigen konnte. Die Inschrift unter ihnen lautete ungefähr:

„Für die Gemeinde Harsum unserm lieben Pastor Brandt zu seinem Geburtstage, 18. Juli 1908, geschenkt von Mitgliedern des 3. Bezirks der Andreasgemeinde in Hildesheim und des Jungfrauenvereins.“

Um das gleich hier vorweg zu nehmen: Nicht lange danach kam auch eine silberne vergoldete Oblatenschachtel dazu sowie eine desgleichen entzückend schöne Weinkanne. Das Geld dazu wurde von der sehr rührigen, auch im Jungfrauenverein tätigen früheren Handarbeitslehrerin, Fräulein Amalie Schwarze, Tochter des Maurermeisters und langjährigen Kirchenvorstehers an St. Andreas, wohnhaft an der Goethestraße, gesammelt. Bei der Einweihung der Kapelle schenkte dann die Nachbargemeinde Clauen unter ihrem Pastor Alpers ein echt silbernes Taufbecken dazu mit Inschrift. Goldschmied Blume ließ für das Ganze eine Kassette aus edlem Holz, mit Samt gefüttert, anfertigen, so dass nun die kleine Gemeinde hervorragend schöne heilige Geräte besitzt. Sie wurden eingeweiht, d.h. erstmalig in Gebrauch genommen, bei der ersten Beicht- und Abendmahlsfeier in Harsum am Sonntag, dem 15. November 1908. Die ersten, welche das hl. Mahl aus den kostbaren Geräten empfingen, waren Amtsrat Lambrecht nebst Frau, Sohn und zwei Töchtern, Bahnhofsvorsteher Ohlmer und Frau, im ganzen 26 Kommunikanten.

III. Der Gedanke des Kapellenbaues und die Erwerbung des Bauplatzes.

Die Gemeindegründung in Harsum hatte einen starken inneren Zusammenschluss der Evangelischen dort zur Folge gehabt. Es war eine Familie aus ihnen geworden. Man fühlte sich einander verpflichtet. Auch die ärmsten Gemeindemitglieder (z.B. Familie Ziegeleiarbeiter Kopp) kamen als gleichberechtigt zur Geltung und wurden nach Kräften unterstützt. Die Kinder hatten im Weihnachtsgottesdienst mit Tannenbaum Äpfel und Nüsse bekommen, von Amtsrat Lambrecht gestiftet, von mir mit Hilfe von Gemeindemitgliedern verteilt. Dadurch wie durch Ausschmückung des gottesdienstlichen Raumes, Beschaffung der heiligen Geräte und gemeinsames Raten und Taten in Sachen der Gemeinde wurde die Eigentätigkeit ihrer Glieder auf’s Schönste angeregt, Abseitsstehende und Gleichgültige herangezogen. Kurz: Gottes Wort und Sakrament bewies seine sammelnde, gemeinschaftsbildende Kraft. Es war und wurde mehr und mehr eine lebendige kleine Diasporagemeinde mit urchristlichem Geist. Vorher war es ein unzusammenhängender Haufen von Sandkörnern gewesen, jetzt wurde ein Zementblock daraus.

Damit hatten sich auch meine im Anfang mehr gefühlsmäßig, je länger desto mehr aber bewusst verfolgten kirchenpolitischen Gedanken als richtig erwiesen. Ich erwog: Die Stärke des Hildesheimer Katholizismus beruht nicht so sehr auf dem etwas mehr als ein Drittel Katholiken der Stadtbevölkerung, sondern viel mehr noch auf dem Ring katholischer Dörfer um die Stadt herum. Die geringen Häuflein Evangelischer in diesen Dörfern waren niemals gründlich gepflegt worden. Die Reisen zu den Gottesdiensten nach Hildesheim verblieben zumeist, außer an den hohen Festen. Die Kinder hatten keinen Religionsunterricht. Mischehen wurden regelmäßig von der katholischen Kirche aufgefangen. Das konnte nur anders werden, wenn man den Evangelischen am Ort etwas bot, wenn man sie zu Gemeinden zusammenschloss. Dazu gehörten örtliche regelmäßige Gottesdienste, zu diesen ein gottesdienstlicher Raum. Dass der rohe Raum in der Ziegelei nur ein Notbehelf sein konnte, lag auf der Hand. Dazu drohte die Aussicht, dass wir auch diesen Raum bald verlieren würden. Die Ziegelei wurde von der hannoverschen Ziegelei-Vereinigung angekauft (siehe Ohlmer S. 7f). Diese erlaubte zwar die weitere Benutzung des Ess-Saales. Es musste aber damit gerechnet werden, dass die Ziegelei über kurz oder lang in andere Hände überging und uns der Saal gekündigt wurde. Ein Ersatz aber war nicht zu finden, wenn wir nicht in die katholische Gastwirtschaft gehen wollten. Das war aber ganz unmöglich. Dazu kam, dass die drei Kaliwerke Siegfried, Fürstenhall und Rössing-Barnten ein Anschlussgleis nach Bahnhof Harsum bauten und, wie verlautete, in dessen Nähe eine Arbeiterkolonie errichten wollten. Das würde der Gemeinde neuen Zuwachs bringen.

Aus all diesen Gründen ist es begreiflich, dass schon wenige Monate nach Einrichtung des Gottesdienstes, etwa im Frühling 1908, der Gedanke auftauchte: Wir müssen an den Bau einer eigenen, wenn auch noch so kleinen und einfachen Kapelle denken. Der Plan wurde zunächst von den Herren Bahnhofsvorsteher Ohlmer, Architekt Weferling und mir, auch einigen anderen, besprochen. Ohne Mitwirkung des Amtsrats Lambrecht konnte und sollte das natürlich nicht geschehen. Als aber Herr Ohlmer und danach ich ihn in die Gedanken einweihte, war er, vorerst wenigstens, entschieden dagegen, da ihm die Zeit noch nicht gekommen schien. Er fürchtete Störung des konfessionellen Friedens, der für ihn und den Betrieb seiner Domäne allerdings eine Lebensfrage war.

Aber sehr bald trat ein Ereignis ein, durch welches Amtsrat Lambrecht völlig umgestimmt wurde. Er pflegte jeden Sommer nach Kissingen zu gehen. Als er im Sommer 1908 wieder dort war, wurde bei einem heftigen Gewitter, das über Harsum ging, sein Polenaufseher auf freiem Felde vom Blitz erschlagen. Der Gutsinspektor Philipps ging darauf zum kath. Priester Mellin und bat um das Totengeläut. Dieser aber fuhr den Inspektor wütend an, verweigerte das Geläut und schrie: „Sie haben ja selbst hier ihren Kram.“ Das war ein Akt echt katholischer Unduldsamkeit und Undankbarkeit, denn die katholische Gemeinde verdankte dem Amtsrat Lambrecht außerordentlich viel. Als vor Jahrzehnten die riesige höchst vornehme Kathedrale in Harsum gebaut wurde, hatte er einen großen Teil der Fuhren ganz umsonst gemacht. Ebenso beim Bau des großen kath. Krankenhauses, dessen kath. Schwestern er auch sonst viel geholfen hatte. Außerdem hatte er bereits für seinen Todesfall dem katholischen Armenhause ein Legat gestiftet usw. Demgegenüber war bei Beerdigungen immer den Evangelischen das Geläut der katholischen Glocken gewährt worden. Der Erfolg war dann auch ein schiedlich-friedliches Verhältnis zwischen der katholischen Gemeinde und den wenigen „Protestanten“. Obwohl es an Schikanierungen des Amtsrats Lambrecht und der anderen auch trotzdem nicht gefehlt hatte.

Nun aber war dem Fass der Boden ausgeschlagen worden. Der Inspektor telegrafierte den Tatbestand nach Kissingen, Amtsrat Lambrecht unterbrach seine Kur, kehrte zurück, ging selbst zum Pastor Mellin und machte ihm in einer aufgeregten Szene den Standpunkt klar: Ob das der Dank für alle Wohltaten sei, die er der katholischen Gemeinde 30 Jahre lang bewiesen habe. Er verzichtete nun auf das Geläut und der Polenaufseher wurde ohne dasselbe begraben.

Ich war ebenfalls im Urlaub. Als ich zurückkam, galt mein erster Besuch dem Amtsrat. Mit bitteren Gefühlen erzählte er mir von den Vorgängen, war nun selbst ganz entschlossen, sich für den Kapellenbau einzusetzen und ermunterte mich, denselben mit allen Kräften in die Wege zu leiten. Mit Bahnhofsvorsteher Ohlmer hatte ich bereits etwa in Betracht kommende Bauplätze besichtigt. Es waren alles solche, die der Eisenbahndirektion gehörten. Im Übrigen war alles Land im Besitz der Katholiken, und von denen hätten wir niemals ein Stück bekommen. Wir einigten uns schließlich auf das Grundstück mit Teich dicht beim Elektrizitätswerk nach Borsum zu.

Nun nahm ich im November 1908 Fühlung mit dem Leiter des Eisenbahnbetriebsamtes in Hildesheim, Regierungsrat Krome, auf. Ich stellte mich zunächst als Mann einer Verwandten von ihm, geb. Krome, vor, und als er darüber sichtlich erfreut war, rückte ich mit meinem Anliegen heraus. Wie freudig überrascht aber war ich, als er sofort darauf einging und sagte: „Sie bekommen alles, was Sie haben wollen und zu dem denkbar billigsten Preise.“ Als ich ihn erfreut und erstaunt nach dem Grunde seines überraschenden Entgegenkommen fragte, antwortete er: „Ich bin ein bewusster Protestant, eifriger Freund des Evangelischen Bundes und außerdem von dem kath. Eisenbahnpräsidenten so schlecht behandelt worden, dass ich mich freue, wenn ich Ihnen einen Gefallen tun kann.“ Nun ließ er die Karten von Harsum bringen und ich beantragte den Ankauf des ganzen Grundstücks einschließlich des durch Ausschachtungen für den Bahndamm entstandenen Teiches. Er willigte ein und versprach den sehr niedrigen Verkaufspreis von etwa 4 M pro Quadrat-Rute. Dabei handelte es sich um bestes Land und um eine Gesamtsumme von etwa 2200 M für über 2 Morgen. Hocherfreut über diesen unerwarteten Erfolg zog ich ab.

Nun folgten Besichtigungen des Grundstücks von allen Seiten, zunächst vom Kirchenvorstand St. Andreas. Superintendent Juhle sprach sich für den Ankauf von nur etwa 15 Ruten am oberen Teil des Landes aus, die er für genügend zum Bau einer Kapelle ansah. Er dachte dabei an seine Andreasgemeinde, die als Käufer und Bauherr in Betracht kommen werde. Aber seine Grundstückspolitik war immer sehr engherzig, wie sich ganz besonders auch beim Erwerb des Kirchbaugrundstücks im 3. Bezirk der Andreasgemeinde zeigte. Erst nachdem ihm die Harsumer Herren bewiesen hatten, warum der Erwerb des ganzen Platzes eine dringende Notwendigkeit sei und dass die Andreasgemeinde niemals wieder Gelegenheit zu einem so billigen Grundstückserwerb haben werde, rein als Vermögensanlage gedacht, gab er nach, und mit ihm die anwesenden Kirchenvorsteher. In einer bald darauf stattfindenden Kirchenvorstandssitzung von St. Andreas, zu welcher auch Bahnhofsvorsteher Ohlmer eingeladen war, und in der namentlich meine Kirchenvorsteher Müller und Mehm warm für den Plan eintraten, wurde der Ankauf und auch der Kapellenbau beschlossen (vergl. hierzu Ohlmer s.a.O. S.7 ff.).???

Ferner besichtigte Oberregierungsrat Dr. Gerstberger von der Eisenbahndirektion Hannover den Platz und sagte freundliche Unterstützung zu. In seiner Begleitung befanden sich Bahnhofsvorsteher Ohlmer und der Bahnmeister Söffge aus Hildesheim und andere. Das vordere Stück des Teiches behielt sich die Eisenbahn vor, weil sie die Absicht hegte, durch denselben einen Verbindungsweg nach der Dorfstraße zu legen.

Diese Besichtigungen erregten natürlich sofort unter den Katholiken das größte Aufsehen. Sobald der beabsichtigte Grundstücksankauf und der geplante Kapellenbau bekannt geworden war, setzte man alle Hebel in Bewegung, um dies zu verhindern. Unsere schlimmsten Gegner waren die tonangebenden großen Hofbesitzer Steinmann in Harsum und dessen Bruder in Borsum, Bruder des Generalvikars am Dom in Hildesheim, ferner ihr gefügiges Werkzeug, der Gemeindevorsteher Giele, und allen voran der Pastor Mellin. In einer geheimen Versammlung in der Niemann’schen Gastwirtschaft beschloss man, die kleine evangelische Gemeinde auszumerzen, und zwar durch Ankauf und Verteilung der Domäne, durch Vertreibung der lutherischen Eisenbahnbeamten, Kündigung von lutherischen Arbeitern usw. Es wurde dazu eine Genossenschaft von 170 Leuten gegründet (siehe Ohlmer s.a.O. S. 11 f). ??????

Bei der Eisenbahndirektion Hannover lief von Harsum aus ein Antrag ein um Verkauf des fraglichen Grundstücks für 4000 M, also für beinahe das Doppelte. Wir erhielten sofort Bescheid darüber. Aus fiskalischen Gründen sah sich die Eisenbahndirektion unter ihrem katholischen Präsidenten genötigt, auf diesen Antrag einzugehen. Aber man war so anständig, uns als Erstbietende zu fragen, ob wir diesen Preis unsererseits zahlen wollten. Diese Maßnahme hatten wir wahrscheinlich unserem Freunde, dem Regierungsrat Deufel bei der Eisenbahndirektion zu verdanken.

Als ich die Angelegenheit im Kirchenvorstand von St. Andreas vortrug, entstand große Erregung. Kommerzienrat Heinrich Peine schlug auf den Tisch und rief: „Und wir wollen das Grundstück nun haben, und wenn es 10 000 M kostet, dann bezahle ich die.“ So wurde denn beschlossen, das Angebot von 4000 M unsererseits zu halten. Wir haben es dann auch bekommen, und zwar „verrechnete“ Regierungsrat Krome die Summe nunmehr doch herunter auf 3600 M. Das war immerhin ein sehr billiger Kauf und die Freude war groß.

Nun waren die Katholiken wieder wütend. Der Borsumer Steinmann äußerte: Nun werde er ganz an der Grenze unseres Grundstücks herunter lange Schweineställe bauen. Die Harsumer wollten das Reststück des Teiches ankaufen und dort eine große Scheune errichten, damit der Ausblick auf die künftige Kapelle wenigstens von den Eisenbahnzügen aus verdeckt würde und was dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr waren.

Inzwischen war die katholische Aktion betreffs der Domäne weiter gegangen. Man steckte sich hinter den Generalvikar Steinmann. Dieser, wie überhaupt das Zentrum??? damals, hatte einen sehr großen Einfluss auf die Regierung. Da nun auch noch die Pachtperiode des Amtsrats Lambrecht zu Ende ging, lag es durchaus im Bereich der Möglichkeit, die Domäne zum Verkauf und zur Teilung zu bringen, und zwar unter dem Vorwand, die kleinen Leute in Harsum benötigten dringend Land. Dieses entsprach zwar den Tatsachen, aber frühere Vorgänge hatten bewiesen, dass sich bei solchen Verkäufen doch nur wieder die großen Bauern bereichern und die kleinen Leute wiederum ziemlich leer ausgehen würden.

Jetzt gingen die Harsumer Evangelischen, voran der allerseits unabhängige Architekt Weferling, zu einem Gegenangriff vor. Bahnhofsvorsteher Ohlmer setzte ein Gesuch an den Kronprinzen auf, in welchem unter Darlegung des wahren Sachverhalts um Aufrechterhaltung der Domäne und Wiederverpachtung an Amtsrat Lambrecht gebeten wurde. Für untunlich hielt man es, sich an den Kaiser zu wenden. Vielleicht traute man ihm bei seiner Sympathie für die katholische Kirche (siehe Abt Benzler von Maria-Laach, den er zum Bischof von Metz machte, der ihm aber dafür übel lohnte) nicht so viel Verständnis zu wie seinem Sohne. Herrn Amtsrat Lambrecht und mir hatte man von diesem Unternehmen nichts gesagt. Das war vollkommen richtig.

Wirklich ging nach etwa vier Wochen schon eine Antwort vom Adjudanten des Kronprinzen, Herrn von Stülpnagel, ein (ich folge hier ganz der Darstellung Ohlmers a.a.O. S. 12 ff.???), die Sache solle untersucht werden, und nach drei Wochen der Bescheid: Die Angaben seien als wahr erwiesen, die Domäne solle für immer in evangelischen Händen bleiben.

Amtsrat Lambrecht wurde, ohne zu ahnen, um was es sich handele, nach Berlin zum Landwirtschaftsminister von Schorlemer-Alst berufen und kam freudig bewegt mit der Zusage einer Neuübertragung der Domäne an ihn auf 18 Jahre zurück. Die Gegenmine gegen unseren Kapellenbau war also gottlob ein Blindgänger gewesen.

Ein weiterer Vernichtungsplan der Katholiken, die Ziegelei anzukaufen, scheiterte ebenfalls.

IV. Der Kapellen-Bau

Nun hatten wir freie Hand und atmeten auf. Es wurde eine rege Agitation für die Bezahlung des Grundstücks und den künftigen Bau entfaltet in Hildesheim und den evangelischen Ortschaften der Umgebung. Zunächst bewilligte uns der Gustav-Adolf-Verein, Zweigstelle Hildesheim, auf seiner Versammlung in Hoheneggelsen nach einem Vortrag von mir seine Hauptgabe von 1200 M, schenkte uns auch später noch 700 M. Auf meinen Antrag vom 17. September 1908 bewilligte uns der Landrat Heye eine Hauskollekte im Landreise Hildesheim. Der Konvertit Gärtner Voges in Harsum hatte sie angeregt und sich bereit erklärt, sie kostenlos einzusammeln. Die Einsammlungsfrist wurde am 10. Juni 1909 bis zum 31. Dezember 1909 verlängert. Dieser Voges hat uns allerdings sehr enttäuscht, indem er unordentlich Buch führte und dabei einen Teil der gesammelten Gelder unterschlug. Zum Glück handelte es sich nicht um hohe Beträge. Anfang November wurde wiederum im Kirchenvorstand von St. Andreas über den Kapellenbau beraten, und auf der Bezirkssynode am 12. November 1908 war man nach einem Referat von mir einstimmig für den Bau.

Trotzdem dauerte es noch fast zwei Jahre, bis zur Ausführung geschritten werden konnte.

Inzwischen ging das Gemeindeleben seinen ruhigen Gang weiter. An die Öffentlichkeit traten wir nur bei Beerdigungen. Ich hielt immer eine liturgische Feier im Haus, und dann folgte die ganze Gemeinde zum Friedhof. Dort wurde die Feier immer zu einem längeren Gottesdienst ausgestaltet. Es wurden unsere schönen Lieder gesungen und ich hielt eine längere Ansprache. Die zahlreichen Zuhörer am Waldrande verhielten sich sehr ruhig und wir freuten uns, dass auch ihnen Gottes Wort verkündigt werden durfte. Ganz erstaunt haben sie ausgerufen: „Die beten ja auch das Vaterunser!“ Überhaupt war die Bevölkerung ganz nett und friedlich gesonnen, wenn sie nur nicht immer wieder durch den Pastor Mellin und die führenden Bauern aufgehetzt worden wären. Sehr häufig hatten wir bei unseren Gottesdiensten Gäste aus Hildesheim, auch aus dem nahen Algermissen. Hier sollten etwa 400 Evangelische ursprünglich gewesen sein, jetzt waren sie auf etwa 200 zusammengeschmolzen. Ich besuchte sie alle und es gelang sehr bald, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, einen Bauplatz für eine zukünftige Kapelle mit Hülfe des dortigen Malermeisters Müller, eines eifrigen Besuchers unserer Harsumer Gottesdienste, zu erwerben. Die Kosten von 8000 M bezahlte auf meinen Antrag das Landeskonsistorium. Auch von Hasede kamen oft Glaubensbrüder herüber, besonders der Obermüller Grüne. Auf dessen Bitte richtete ich auch in Hasede „Bibelstunden“ ein, dessen erste am 11. Dezember 1908 im Privat-Miethause Grüne stattfand.

Aus dem Jahre 1909 ist nichts Erhebliches zu berichten.

Natürlich konnten es unsere katholischen Gegner nicht lassen, fortgesetzt zu bohren. Vor allem richteten sich ihre versteckten und offenen Angriffe gegen den energischen Bahnhofsvorsteher Ohlmer, der bei seinem Bahnpersonal und auch seiner Behörde als untadliger Beamter in großem Ansehen stand. Selbst die Mehrzahl der Katholiken konnten ihm ihre Anerkennung nicht versagen. Umso befremdlicher war ein Angriff, der im Sommer 1910 gegen ihn durchgeführt wurde, eingeleitet durch einen Artikel vom 22. August 1910 in der katholischen Kornacker’schen Zeitung. Aus diesem geht die ganze hinterhältige und jammervolle Kampfesart und Denunziationspolitik der Katholiken mit aller Deutlichkeit hervor. Ich lasse den Zeitungsausschnitt aus dem Zentrumsorgan hier folgen. Man beachte die gehässige Schreibweise!

„Harsum, 22. August 1910. (Protestantischer Gottesdienst) wird auch hier periodisch abgehalten, seit durch Zuzug von protestantischen Arbeiterfamilien sich das Bedürfnis dafür herausgestellt hat. Zur Abhaltung des Gottesdienstes dient ein Raum in der dem Bahnhofe gegenüber liegenden Ziegelei. Aufsehen erregt, dass der Gottesdienst durch Bahnbeamte im Dorfe angesagt wird und die Bänke aus den Räumen des Bahnhofs jedes Mal bis Abhaltung des Gottesdienstes zur Ziegelei durch Beamte hinübergeschafft werden. Ein gläubig gesinnter Katholik wäre der Letzte, welcher an der Erfüllung religiöser Pflichten von Seiten Andersgläubiger irgend welchen Anstoß nehmen würde, im Gegenteil sind wir Katholiken ja gerade in unserm Kreise in der angenehmen Lage, mit unseren gläubigen protestantischen Mitbürgern im besten Einvernehmen zu leben. Doch meinen wir, dass es aus mancherlei Rücksichten nicht angebracht erscheint, ein gottesdienstliches Lokal mit Inventarstücken des Bahnhofes auszustatten. Der Gustav-Adolph-Verein ist doch wohl in der Lage, diesen unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen, nicht minder könnte der Evangelische Bund hier beweisen, dass er tatsächlich ein Herz für die religiösen Bedürfnisse seiner Glaubensgenossen hat, statt ständig gegen Rom zu hetzen. Doch glaubt man auch hier schon seine Spuren zu finden. Einem unkontrollierbaren Gerüchte zufolge soll er für die in Harsum eingeschulten evangelischen Kinder die Erteilung des Religionsunterrichts auf Kosten der Gemeinde an zuständiger Stelle beantragt haben. Hier meint man, die evangelischen Familienväter wären wohl selbst in der Lage, ihre Interessen zu vertreten und ihre dahin gehenden Wünsche zu äußern. Eine Einmischung des Evangelischen Bundes in Gemeindeangelegenheiten würde von hüben und drüben als unberechtigt angesehen. Ein Schrei der Entrüstung würde erschallen, wenn an einem evangelischen Orte sicher der Bonifatius- oder ein anderer katholischer Verein unterfangen würde, über die Köpfe der katholischen Minderheit hinweg in die Schulangelegenheiten sich zu mischen. Deshalb glauben wir auch nicht recht daran, wenn auch versichert wird, der Evangelische Bund, der im Grunde weiter nichts ist, als eine Filiale der nationalliberalen Partei, habe auch bei anderer Gelegenheit versucht, seine Hände in Harsumer Angelegenheiten zu stecken. Wir Harsumer danken ergebenst für den Import einer gehässigen Konfessionshetze vom Evangelischen Bunde, die überall da entbrennt, wo der Evangelische Bund seinen Fuß hinsetzt, eine Hetze, die nicht religiösen Gefühlen, sondern parteipolitischen Machtgelüsten entspringt.“

Gegen diese sinnlose Angeberei verwahrte sich Bahnhofsvorsteher Ohlmer bei seiner vorgesetzten Behörde, die dann auch die katholische Zeitung nötigte, folgende Berichtigung aufzunehmen. Man beachte wiederum den gehässigen Zusatz der Zeitung, der abschwächend wirken soll:

„Harsum, 2. Septbr. 1910 (Protestantischer Gottesdienst).
Von der Königlichen Eisenbahndirektion in Hannover erhalten wir folgende Zuschrift: „In Nr. 191 Blatt 3 Ihrer Zeitung vom 23. August 1910 sind in einem Artikel unter der Überschrift „Protestantischer Gottesdienst) Angaben enthalten, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Es trifft nicht zu, dass Bänke aus den Räumen des Bahnhofes jedes Mal bis Abhaltung des Gottesdienstes zur Ziegelei durch Beamte hinübergeschafft werden; ebenso wenig haben unsere Beamten in amtlicher Eigenschaft den Gottesdienst angesagt, wie nach der Fassung des Artikels angenommen werden muss. Der evangelische Bahnhofsvorsteher erhält vielmehr von dem Geistlichen der St. Andreasgemeinde in Hildesheim privatim Nachricht von der Abhaltung des Gottesdienstes und gibt diese Nachricht an die übrigen evangelischen Beamten in Harsum weiter, die diese dann ihren Familien und Bekannten mitteilen. Hiergegen bestehen auch deine Bedenken. Wir ersuchen ergebenst, hiervon in Ihrer Zeitung gefälligst Notiz zu nehmen und uns vom Veranlassten in Kenntnis zu setzen.

In obiger Zuschrift wird nicht in Abrede gestellt, dass Bänke aus den Räumen des Bahnhofes bei Abhaltung des Gottesdienstes zur Ziegelei geschafft werden. Es wird ferner bestätigt, dass der Gottesdienst durch Bahnbeamte im Dorfe angesagt wird, dass sie in amtlicher Eigenschaft dies taten, ist von uns nicht behauptet worden und eigentlich selbstverständlich.

Wir möchten die Lektüre dieser Zeilen recht angelegentlich den Evangelischen Bunde empfehlen. Hier könnte er für seine Glaubensbrüder in der Diaspora aus seinen reichen Mitteln wirklich etwas Gutes leisten, indem er ihnen das notwendige Material zur Abhaltung des Gottesdienstes liefert. Jedenfalls wäre das eine näherliegende edlere Anwendung reichsdeutschen Geldes, als die Unterstützung der Los von Rom-Bewegung in Österreich, die zudem einen bedenklichen politischen Hintergrund hat.“

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Lebhaftes Interesse für den Kapellenbau herrschte in unserm Hildesheimer Jungfrauenverein, der auf über 100 Mitglieder angewachsen war. Eines Sonntags abends, als wir im Evangelischen Vereinshaus zusammen waren, wurde mit großem Krach ein verschnürtes Paket hineingeworfen. Als ich die vielen Hüllen unter allgemeiner Spannung gelöst hatte, kam ein Backstein zutage. Daneben ein Zettel: „Hurra, hurra, der Grundstein ist schon da!“ Allgemeiner Jubel. Ich benutzte die Gelegenheit zu einer Werbeansprache und nahm den Backstein mit nach Hause. Er ist dann auch seinerzeit richtig in den Grundstein eingemauert worden.

In demselben Winter feierten wir das 30jährige Stiftungsfest des Jungfrauenvereins. Der Verein war so auf die Arbeit für unser Harsum eingestellt, dass es die schon erwähnte Fräulein Schwarze leicht hatte, eine Jubiläumssammlung für den Kapellenbau zu veranstalten. Den Ertrag derselben überreichte sie mir am 4. Dezember 1910:

„Der Sammlung zum Harsumer
Kapellen-Bau
30 M
an unserm 30jährigen Stiftungs-
feste des Jungfrauen-Vereins
hinzuzufügen freuen sich

die dafür
Interessierende
(ferner Gottes Segen wünschend)

Hildesheim, 4. Dec. 1910.“

Obwohl der Kirchenvorstand von St. Andreas der eigentliche Bauherr und Verantwortliche war, wie denn auch der Bauplatz auf seinen Namen ins Grundbuch eingetragen wurde, weil wir Harsumer, d.h. Amtsrat Lambrecht, Bahnhofsvorsteher Ohlmer und ich sowie noch ein oder zwei Harsumer, ja nur ein freiwillig zusammengetretener Vorstand ohne Rechtsbefugnisse waren, überließ man uns vernünftiger Weise ganz die Vorbereitung des Baues und diesen selbst. Ich ließ daher durch meinen Bekannten, Architekt Wendebourg-Hannover, ein Projekt entwerfen. Es war aber in so alten hergebrachten Formen gehalten, dass ich es verwerfen musste. Hierauf trat ich mit den Architekten Hartjenstein und Braband-Hannover in Verbindung, besprach mit ihnen meine Bau-Ideen und erhielt ein brauchbares, auch nicht teures Projekt. Braband war ein tüchtiger Architekt, sein Schwager Hartjenstein ein gerissener Kaufmann und unsympathischer Mensch von Halbbildung. Sie erhielten die Zusage der Ausführung.

Darüber schnappte der „Architekt“ und Käsemacher Weferling in Harsum erheblich ein. Hatte er doch gehofft, seinerseits den Bau zu erhalten und seine zerrütteten Finanzen dadurch etwas auf den Damm zu bringen. Das war aber ein Ding der Unmöglichkeit. Die Klippe wurde dadurch umschifft, dass ihm die örtliche Bauleitung übertragen wurde. Die Maurerarbeiten wurden – schon um auch die Harsumer günstig zu stimmen – dem Maurermeister Eckhardt (Katholik) übertragen, die Zimmererarbeiten dem Zimmermeister Stuke in Hildesheim, Glied meines Bezirks. Von der Ziegelei Bocksberg bei Sarstedt bekamen wir Ziegelsteine geschenkt, eine Witwe versprach uns den ganzen Kalk, das Landeskonsistorium bewilligte 10 000 M Beihilfe, der Gustav-Adolf-Verein Hannover 100 M jährlich bis auf weiteres zur Schuldentilgung. Für den Rest versprach die Andreasgemeinde aufzukommen.

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Nun ging es im Frühjahr 1910 frisch und fröhlich an die Ausführung. Leider aber stellten sich noch unerwartete Hindernisse ein. Um der Kapelle einen schönen Vordergrund zu geben, auch um das dahinterliegende vorzügliche Land, das sofort an die kleineren Leute der Gemeinde parzellenweise zu Gärten verpachtet wurde, zu schonen, hatten wir beschlossen, die Kapelle hinter dem Teich zu errichten. Bei der Ausschachtung aber traf man auf Quellen, möglich war auch, dass es das Grundwasser des Teiches war. Jedenfalls musste nun der ganze Raum in der Erde mit Fundamentmauerwerk ausgemauert und dieser Kasten ganz mit Kies angefüllt werden. Da leistete uns unser Freund, der Hildesheimer Bahnmeister Söffge, unschätzbare Dienste. Es wurde einfach ein Kleingleis vom Bahnkörper her nach der Baustelle gelegt. Er führte auf Eisenbahnwagen so viel anderswo entbehrlichen Altkies heran, bis der ganze Raum ausgefüllt war. Da das Kleingleis auch über den Fußweg führte, so verbot dies alsbald der Gemeindevorsteher aus Schikane. Auf unsere Beschwerde aber hob der Landrat Heye das Verbot wieder auf.

Es muss noch erwähnt werden, dass die umliegenden evangelischen Dörfer der jungen Gemeinde große Liebe entgegenbrachten und namhafte Hülfe leisteten. So brachten Steine und Mauersand die Dörfer Rautenberg, Soßmar, Clauen, Bründeln, Lühnde, Bledeln, Hotteln und Gödringen.

Die Arbeiten wurden vom Wetter begünstigt, und als ich so etwa im Oktober im Kirchenvorstand gefragt wurde, wann denn der Bau in Harsum begonnen würde, war man sehr verblüfft, als ich berichten konnte, dass die Kapelle schon aus der Erde herauswachse und der Tag der Grundsteinlegung festgesetzt werden könne.

Die Feier wurde dann auf den Nachmittag des 10. November, Luthers Geburtstag, festgesetzt. Ich lasse die Zeitungsberichte aus der Gerstenbergschen Zeitung und dem Hildesheimer Kurier über den Verlauf hier folgen: (11. November 1910)

Die Grundsteinlegung für die evangelische Kirche in Harsum.

Die evangelische Diasporagemeinde Harsum hatte gestern einen Freudentag. Sie durfte den Grundstein zu ihrem neuen Gotteshaus legen, dessen Bau durch die liebevolle Unterstützung der evangelischen Glaubensbrüder ermöglicht wurde, denn das kleine Häuflein Evangelischer, das seine Gottesdienste bisher in einer Ziegelei abhalten musste, hätte aus eigener Kraft die Mittel für einen Kirchenbau ja nicht aufbringen können. Es war nur eine schlichte Feier, mit der man gestern nachmittag die Grundsteinlegung für die nun im Bau schon weit vorgeschrittene Harsumer evangelische Kapelle beging, aber sie war von einem guten, echt evangelischen Geiste beseelt, und Freude und Dank leuchteten in den Gesichtern der Harsumer Gemeindemitglieder, welche die fürsorgliche Liebe, die ihnen so zahlreiche Glaubensgenossen in Hildesheim und in den Nachbargemeinden entgegenbrachten und noch entgegenbringen, wohl zu schätzen wissen. Und die Harsumer Evangelischen haben auch Grund sich zu freuen, denn sie werden ein recht stattliches, im Freien stolz vor einem Teich gelegenes Kirchlein erhalten, das, in der Nähe der Bahnlinie erbaut, zu den Reisenden schon von Ferne herübergrüßt, ein Zeuge, dass auch in Harsum warmes evangelisches Leben pulsiert.


Zu der Grundsteinlegung hatten sich neben den Evangelischen Harsums Freunde aus Hildesheim und den Nachbargemeinden, darunter auch mehrere Geistliche, eingefunden. War das Wetter auch nicht günstig, so schloss der Himmel doch gerade, als die Feier ihren Anfang nahm, seine Schleusen. Der denkwürdige Akte wurde von dem Seelsorger der evangelischen Gemeinde in Harsum, Pastor Brandt, eröffnet, der seine Ansprache mit den Worten: „Sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen“ aus dem 87. Psalm einleitete. Nach einem Gebet wies der Geistliche darauf hin, dass endlich der Tag gekommen sei, auf den die Gemeinde und ihre Freunde schon lange sehnsüchtig gehofft hatten. Pastor Brandt wandte sich dann an die Harsumer Gemeindemitglieder, deren Freude am größten und deren Begeisterung am höchsten sei, denn die Kapelle solle ja Eigentum der Gemeinde und der Mittelpunkt des Gemeindelebens werden. Sie solle ein weithin leuchtender Beweis sein, dass es in Harsum Evangelische gibt, die, wenn am Sonntag die Kirchenglocken rufen, bereit sind, in dies Gotteshaus zu kommen und dem Evangelium zu lauschen. Der Geistliche stattete dann allen den Dank ab, welche zum Gelingen des Werkes beigetragen haben: vor allen Dingen dem Hildesheimer Zweigverein des Evangelischen Bundes, der bereits im Jahre 1904 sein warmes Interesse für die Diasporagemeinde Harsum dadurch bekundete, dass er auf seine Kosten den evangelischen Religionsunterricht einrichtete. Dadurch sei die Grundlage geschaffen worden für den späteren Zusammenschluss der kleinen Gemeinde. Ferner habe der Evangelische Bund seine Liebe dadurch bekundet, dass er ein wunderschönes Harmonium der Gemeinde für den Gottesdienst zur Verfügung stellte. Dank gebühre dann dem Gustav-Adolf-Verein, der es ermöglichte, den schönen Bauplatz zu erwerben. Nachdem im Jahre 1907 auf der Hildesheimer Bezirkssynode der Wunsch ausgesprochen war, dass nach der Anstellung eines dritten Pastors an der St. Andreaskirche auch in Harsum Gottesdienste abgehalten werden möchten, konnte hier am zweiten Adventssonntag der erste Gottesdienst stattfinden, der allen in dauernder Erinnerung bleiben werde. Als dann bekannt wurde, dass der von der Gemeinde liebevoll geschmückte Raum, in dem man bisher die Gottesdienste gefeiert hatte, alsbald geräumt werden müsse, habe man in banger Sorge geschwebt. Gleichzeitig aber sei der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus umso lebhafter hervorgetreten, und da habe sich die Liebe der evangelischen Gemeinden rings um Harsum in wahrhaft hochherziger Weise gezeigt. Besonders die Gemeinden Rautenberg, Clauen und Hohenhameln brachten Gaben zusammen, über die man habe staunen müssen. Es stecke noch viel Liebe zum Evangelium in den Heimatgenossen. Und in Hildesheim habe man inzwischen emsig weitergeschafft. Vor allem habe aber das Landeskonsistorium in Hannover einen so namhaften Beitrag bereit gestellt, dass man der Behörde nur von Herzen dankbar sein könne. Dank gebühre auch dem Kirchenvorstand der St. Andreasgemeinde in Hildesheim, zu welcher die evangelische Gemeinde Harsum im Gastverhältnis stehe und welche die Hauptlast auf ihre Schultern genommen habe und der Bauherr der Kapelle geworden sei. Die Andreasgemeinde habe eine wahre mütterliche Liebe für die Harsumer Evangelischen gezeigt. Den Dank für den schönen Tag der Grundsteinlegung könne die Diasporagemeinde am besten damit bezeugen, dass ihre Mitglieder lebendige Bausteine würden an dem geistigen Hause unseres Herrn. Möge denn das neue Gotteshaus eine Stätte sein, an der immerdar Gottes Worte reich und lauter gepredigt werde und die Sakramente nach des Herrn Jesu Christi Anweisung verwaltet werden. Möge der Gemeinde immer im Gedächtnis bleiben: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

Nach einem gemeinschaftlichen Gesange nahm Stadtsuperintendent Juhle das Wort. An dem Tag, an den Luther geboren wurde und an dem auch vor 27 Jahren in Hildesheim der Grundstein zum Ausbau der St. Andreaskirche und des Turmes gelegt worden sei, solle der Grundstein zu dem Harsumer Gotteshaus gelegt werden. Wir wollen diesen Bau unter den Schutz des treuen Gottes stellen und in seinem Namen wollen wir weiterarbeiten und ihn bitten, dass das Werk vollendet werde zu seines Namens Ehre. Die evangelischen Gemeinde Harsum hätte nicht daran denken können, aus eigener Kraft ein Gotteshaus zu errichten. Gott aber habe verborgene Quellen angerührt und mit ihrer Hilfe habe der Kirchenvorstand von St. Andreas die Vorbereitungen zum Bau treffen können. Nun gelte es zu danken und zu arbeiten im Namen Jesu und im Vertrauen auf seine Hilfe. Keine Propaganda solle getrieben werden, sondern die Glaubensgenossen sollten gesammelt werden. Es solle auch nicht der konfessionelle Frieden gestört, sondern auch die Glaubensüberzeugung anderer geachtet werden. Je treuer man an der erkannten Wahrheit festhalte, umso mehr werde man es zu achten wissen, wenn andere nach ihrem Glauben leben.

Stadtsuperintendent Juhle verlas darauf die Urkunde, welche dem Grundstein mit Hildesheimer Zeitungen zusammen einverleibt wurde. In der Urkunde ist auch eine kurze Geschichte des Kirchenbaues enthalten; ferner wird darin der wackeren Helfer und derer Erwähnung getan, welche an der Ausführung des Baues beteiligt sind. Die Urkunde schließt mit den Worten:
„Gottes Wort und Luthers Lehr
Vergehn nun und nimmermehr.“

Nachdem die Kupferhülse mit ihrem Inhalt in den Stein versenkt und der Grundstein zugemauert war, tat Stadtsuperintendent Juhle mit einem Segensspruch die ersten drei Hammerschläge; es folgten dann Pastor Brandt und Pastor Alpers-Clauen, der Vorsitzende des Hildesheimer Zweigvereins des Ev. Bundes, Taubstummenlehrer Seel und einige Gemeindeglieder. Mit Gebet und gemeinschaftlichem Gesange des Chorals „Nun danket alle Gott“ fand die erhebende Feier ihren Abschluss. Man blieb darauf noch ein Stündchen in zwangloser Aussprache beisammen.“

Der Text meiner Ansprache war 1 Petri 2, Vers 5:
„Und auch ihr, als die lebendigen Steine, bauet auch zum geistlichen Hause und zum heiligen Priestertum, zu opfern geistliche Opfer, die Gott angenehm sind, durch Jesus Christus.“

„(Grundsteinlegung). Gestern Nachmittag 3 ¼ Uhr fand die Grundsteinlegung der evangelischen Kapelle in Harsum statt. Trotzdem keine offiziellen Einladungen zu dieser Feier ergangen waren, hatte sich doch außer der evangelischen Gemeinde Harsum eine zahlreiche Teilnehmerschaft aus den umliegenden Dörfern, sowie aus Hildesheim eingefunden. Nach dem Eingangsliede „Lobe den Herren, den mächtigen König der Erden“ hielt der Seelsorger der Gemeinde, Herr Pastor Brandt aus Hildesheim, eine Ansprache, in der er die Bedeutung des Tages hervorhob und die Veranlassung und die Geschichte des Kapellenbaues darlegte. Er führte u. a. aus, dass ohne die Beihilfen der zahlreichen Freunde der kleinen Gemeinde, z.B. des Evangelischen Bundes, des Gustav-Adolf-Vereins, der umliegenden Gemeinden, von denen Hohenhameln 800 M gezahlt hat, und vor allen Dingen der hochherzigen Schenkung des Landeskonsistoriums, welches 10 000 M zum Bau der Kapelle zur Verfügung stellte, der Bau nicht so schnell würde zustande gekommen sein. Er ermahnte deshalb die Gemeinde zur Dankbarkeit und schloss mit der Aufforderung der Gemeinde, sich im geistlichen Tempel auf dem Grunde Jesu Christi allzeit zu erbauen, wie es der große Reformator Dr. Martin Luther getan, an dessen Geburtstag ohne irgendjemandes Zutun gerade die Grundsteinlegung der Kapelle stattfinde. Den eigentlichen Weiheakt nahm dann der Stadtsuperintendent, Herr Pastor Juhle aus Hildesheim, vor. Nachdem er in seiner Ansprache ausgeführt hatte, dass alles, was hier geschehe, im Namen Jesu Christi geschehen soll und dass es ein Friedenswerk im höchsten Sinne sein soll, was hier zustande gebracht werde, folgten dann die üblichen drei Hammerschläge. Aus einige der mit anwesenden Geistlichen der Umgebung und andere Gäste beteiligten sich an dem Akte der Grundsteinlegung. Nachdem dann die Festversammlung „Nun danket alle Gott“ gesungen hatte, wurden die Anwesenden von den Harsumer Evangelischen zu einer Nachfeier im Saale der Niemann’schen Gastwirtschaft eingeladen, wo man bis zum Abend gemütlich beisammen war.“

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Nach der Feier wurden mir von einem Evangelischen und sogar von einem Katholiken je 5 M Festgabe eingehändigt. In den Grundstein war eine kupferne Kapsel mit Tageszeitungen, einem kurzen Abriss der Gemeinde- und Baugeschichte eingemauert worden, in dem die Namen Amtsrat Lambrecht, Bahnhofsvorsteher Ohlmer, Pastor Brandt und Stadtsuperintendent Juhle vermerkt waren. Auch jener Backstein war, wie erwähnt, mit eingefügt worden.

Nun schritt der Bau rüstig fort, so dass schon am 16. Dezember 1910 das Richtefest stattfinden konnte. Ich fuhr am Nachmittag mit Pastor coll. Wiebe, Ministerialkollaborator in Hildesheim, hinaus, wo gegen 4 Uhr das Richtefest begann. Das Wetter war regnerisch und stürmisch, zum ersten Male seit der ganzen Bauzeit. Es waren daher außer den Bauleuten nur wenige Männer der Gemeinde erschienen. Das Dach und sonstige Holzwerk waren fertig gerichtet. Vom Gerüst herab hielt der Zimmerpolier Stucke, Sohn des Meisters, eine Ansprache, an deren Schluss er zum eigentlichen „Richtespruch“ überging. Hierauf trank er nach der alten Sitte ein eingeschenktes Glas Wein aus und warf dann das Glas nach rückwärts gegen das Mauerwerk, wo es zerschellte.

Darauf sprach ich noch ein paar Worte des Dankes für die Bauleute vom Gerüst herab und betonte den Charakter der Kapelle als friedliche Erbauungsstätte, durch die der konfessionelle Friede nicht gestört werden solle. – An diese kleine Feier schloss sich eine Besichtigung des Baues, der einen sehr günstigen Eindruck machte. Danach versammelten sich die Bauleute mit ihren Meistern und dem örtlichen Bauleiter Weferling in der Pagel’schen Gastwirtschaft, wo ihnen Bier, Butterbrot und Zigarren gespendet wurden.

„Am 4. Advent, 18. Dezember 1910, fand die Weihnachtsfeier in Harsum statt. Die Gemeinde war vollständig versammelt im Saal der Ziegelei; sämtliche Kinder waren zugegen, auch viele katholische aus den Mischehen. Ich predigte über das Sonntagsevangelium Joh. 19-34. Dann wurde der Baum angezündet, die Kinder traten vor, sangen mit hellen Stimmen ihre Weihnachtslieder und nahmen Äpfel, Nüsse und Backwerk in reicher Fülle im Empfang, nachdem ich ihnen eine kleine Ansprache gehalten hatte. Amtsrat Lambrecht hatte wieder 10 M gespendet zur Weihnachtsbescherung. Die sollen aber nebst Gaben des Hausväterverbandes diese Woche zu nützlichen Geschenken angewandt werden. Von der Eisenbahn aus konnte man sehen, wie das Gerüst zum Turm aus dem Kapellendach emporstieg und die Latten bereits über den Sparren befestigt waren. Noch einige Tage gutes Wetter, dann steht die Kapelle nebst Turm Weihnachten unter Dach.“

„16.12.1910. In einer Unterredung sagte mir der Oberregierungsrat Sachs hier, die Harsumer hätten zum 2. Male den Verkauf der Domäne bei der Regierung beantragt, weil die kleinen Leute kein Land hätten. Der Verkauf sei aber zum 2. Male abgelehnt worden. Zwar sei es an dem, dass die kleinen Leute wenig Land hätten, aber man habe nicht die Garantie, dass sie solches beim Verkauf wirklich bekämen und nicht vielmehr die reichen Bauern es auf irgendeine Weise wieder an sich zu bringen verstünden.

Aber 1913 werde die Domäne wieder neu verpachtet, und es würden sich eine Menge Bewerber melden. Wolle nun Amtsrat Lambrecht die Domäne wieder haben, so müsse eine öffentliche Verpachtung vermieden werden, da er nicht so viel bieten könne wie die Katholiken, denen es bei ihren konfessionellen Zwecken nicht auf viele Tausende ankommen werde, wenn sie nur den evangelischen Pächter mit seinem Anhang hinausbekommen könnten. Darum müsse nun aber Amtsrat Lambrecht nach Berlin fahren und dem Minister einige Tausend Mark mehr Pacht bieten, was ihm, Lambrecht, schon mehrfach nahegelegt worden sei, damit der Pachtvertrag einfach verlängert werden könne.

Dies erzählte ich Amtsrat Lambrecht, als wir nach dem Richtefest zusammen nach Hildesheim fuhren. Aber er könne nicht mehr bieten, als die Domäne aufbringe. Man müsse es der Zukunft überlassen.“

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„Der Bischof ist von Oberregierungsrat Sachs, wie mir dieser erzählte, gefragt worden, warum denn Pastor Mellin-Harsum im vorigen Sommer das Sterbegeläut für den vom Blitz erschlagenen Aufseher von der Domäne habe versagen dürfen. Darauf der Bischof: ihm sei von der Sache nichts bekannt, im Übrigen mische man sich nicht gern in solche Einzelheiten ein. Er hoffe, dass, wenn die Kapelle nun erbaut sei, der Friede in Harsum wieder einkehren werde.

Bei der letzten Firmung in Harsum sollen Pastor und Primissarius dem Bischof Dr. Bertram ihr Bedauern geäußert haben über den Bau der lutherischen Kapelle. Man habe das leider nicht verhindern können. Darauf soll der Bischof geantwortet haben: „Warum auch? Lasst sie doch zufrieden, wir machen’s ja an anderen Orten gerade so.“

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„7.2.1911. Heute war ich in Harsum. Der Turm der Kapelle ist jetzt gedeckt und mit Blitzableiter und Hahn versehen. Ebenso ist das Dach jetzt überall geschlossen. Die ganze Sache sieht reizend aus. Die Katholiken finden allerdings den Turm unschön.

Rings um die Kapelle ist jetzt planiert worden bis an die Fundamente. Der Kies ist von der Bahnverwaltung (Bahnmeister Söffge in Hildesheim) gratis angeliefert und mit Loren an Ort und Stelle geschafft worden. Dadurch ist der Platz jetzt ganz wundervoll geworden.

Bei Bahnhofsvorsteher Ohlmer erfuhr ich auch, dass Amtsrat Lambrecht seine Domäne jetzt sicher wieder auf 18 Jahre gepachtet hat. Hurrah! Jetzt ist unsere Gemeinde vorläufig in ihrem Bestande gesichert. Nach 18 Jahren, wer weiß, wie’s dann in Harsum aussieht!“

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„12.2.1911. Auf meine Bitte im Jungfrauenverein Hildesheim wurden mir für Harsum eine ganze Anzahl Vela und sonstige Tücher für die Abendmahlsgeräte gebracht, welche die Mitglieder in zum Teil kostbarer Ausführung gesammelt hatten. Es waren so viele, dass ich gleich an Pastor Wiebe für unsere kleine Schwestergemeinde in Hasede einige abgeben konnte.“

N.B.! Vorstehendes sind chronikartige Aufzeichnungen von meiner Hand.

Nachzuholen ist noch Folgendes:

Die katholische Genossenschaft von ungefähr 170 Mann, reich und arm, zum Ankauf der Domäne war auf Anstiften von Pastor Mellin im Sommer 1909 gegründet worden. Die Regierung lehnte Ende September 1909 den Ankauf ab mit folgender Begründung:

Alle Angaben Amtsrat Lambrechts seien als subjektiv bedingt bei der Ablehnung nicht maßgebend gewesen. Aber das Angebot der Katholiken an die Eisenbahndirektion wegen des Kapellenbauplatzes beweise, dass dieselben planmäßig vorgingen, um die Evangelischen herauszubringen.

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Beim Bau der Kalibahn Groß-Giesen – Harsum soll Pastor Mellin im ganzen Dorfe dahin gewirkt haben, dass keine Bauplätze zu Arbeiterwohnungen verkauft würden.

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V. Die Einweihung der Kapelle am 19.11.1911

Endlich stand nach über einjähriger Bauzeit das Gotteshaus mit innerer Einrichtung fertig da und konnte seinem Gebrauch übergeben werden. Ich gebe zunächst wieder den Zeitungsberichten über die großartige Feier das Wort:

„Gerstenberg’sche Zeitung:
Die Einweihung der evangelische-lutherischen Kapelle in Harsum.
Harsum, 19. Nov.
Das war ein Sonntag von ganz besonderer Bedeutung für unsere kleine evangelisch-lutherische Gemeinde. Heute wurde ein Werk seiner Bestimmung übergeben, dessen Werden und Wachsen die evangelischen Einwohner unseres Ortes von Anfang an mit dem größten Interesse verfolgt haben. Der brennende Wunsch, ein eigenes Gotteshaus zu besitzen, ist heute für unsere kleine Diaspora-Gemeinde in Erfüllung gegangen. Und daher war es ein Tag der Freude und des Dankes über den glücklichen und bedeutsamen Abschluss des Werkes, zu dem am vorjährigen Geburtstage Martin Luthers der Grundstein gelegt worden ist. Die rund 130 Köpfe starke evangelisch-lutherische Gemeinde Harsum nennt jetzt eine schmucke Kapelle ihr Eigen, die fortan der Mittelpunkt ihres kirchlichen Lebens sein soll. Sie ist nicht mehr auf den Speisesaal der Ziegelei angewiesen. Stolz ragt nun neben dem schlanken Turm der katholischen Kirche das Türmchen der evangelisch-lutherischen Kapelle empor und verkündet den sieghaften Gedanken evangelisch-lutherischen Glaubens…

Die Einweihungsfeier
Es war natürlich, dass die Einweihungsfeier der Kapelle nicht den engen Rahmen hatte, der sonst Kircheinweihungen gezogen ist. Die Weihe beschränkte sich nicht bloß auf den Ort Harsum. Sie fand vor allem herzliche Anteilnahme in Hildesheim und in den benachbarten Orten. So fanden sich heute Nachmittag um 3 Uhr außerordentlich zahlreich die geladenen Gäste und sonstigen Teilnehmer aus Harsum zusammen. Von Hildesheim mochten es etwa 200 Personen sein, die der Zug 2.06 Uhr nach Harsum brachte und die am Bahnhof von Amtsrat Lambrecht und anderen Gemeindemitgliedern empfangen wurden. Es waren erschienen Generalsuperintendent D. Dr. Hoppe, Superintendent Juhle, ferner nahezu vollzählig die evangelische Geistlichkeit aus Hildesheim, mehrere Geistliche aus der Umgebung, weiter Vertreter der Zweigvereine Hildesheim des Ev. Bundes und des Gustav-Adolf-Vereins, der Kirchenvorstand von St. Andreas in Hildesheim, Abordnungen des Evangelischen Arbeiter-Vereins Hildesheim (mit Fahne), des Evangelischen Jungfrauen-Vereins und zahlreiche evangelische Einwohner aus Hildesheim. An der Feier nahm ferner Landrat Heye teil, und dann soll nicht vergessen werden, dass auch Mitglieder des Harsumer Gemeindeausschusses und viele katholische Einwohner Harsums zu der Feier erschienen waren.

Die Festgäste, die vom Bahnhof sich sofort nach der am östlichen Rande des Dorfes gelegenen neuen Kapelle begaben, wurden mit hellem Geläute der beiden Glocken der Kapelle empfangen. Außerdem verkündeten Tannengrün und wehende Fahnen die Bedeutung des Tages. Vor dem Gotteshaus drängte sich die große Schar der Festteilnehmer und wartete auf die Ankunft der Gemeindemitglieder. Diese hatten sich an der alten Stätte ihrer kirchlichen Zusammenkunft, der Ziegelei, versammelt und zogen von dort langsam zum neuen Gotteshaus. Voran schritten die Schulkinder, dann folgten hinter dem Musikchor die Geistlichkeit im Talar, weitere Ehrengäste und die evangelisch-lutherischen Einwohner. Um 3 ¼ Uhr hatte der Zug die neue Kapelle erreicht. Dem Seelsorger für Harsum, Pastor Brandt von St. Andreas, Hildesheim, wurden die Schlüssel des Gotteshauses überreicht und er öffnete die Eingangspforte, über der das Bibelwort: „Der Herr ist mein Hirte“ zu lesen ist. Die schmucke Kapelle war bald überfüllt und da alle Teilnehmer keinen Platz finden konnten, so wurde draußen im Freien ein zweiter Gottesdienst abgehalten.

Der Festgottesdienst in der Kapelle begann mit dem Gemeindelied: „Komm, heiliger Geist, Herre Gott“ und darauf nahm Generalsuperintendent D. Dr. Hoppe die Weihe der neuen Kirchenstätte vor. In seiner Ansprache hob der Redner die Bedeutung des heutigen Tages hervor. Es sei ein Tag des Dankes und der Freude über die glückliche Vollendung dieses schönen Gotteshauses. Die evangelischen Gemeindemitglieder Harsums hätten nun eine würdige Stätte, wo sie sich versammeln könnten. Aus vollem Herzen müssen wir dem Herrn danken, der das Werk gelingen ließ. Wir wollen heute die neue Kapelle in Gebrauch nehmen für den Gottesdienst, damit es eine Stätte werde, wo den Gemeindemitgliedern das Wort Gottes gepredigt und ihnen das heilige Sakrament gespendet werde. Wir bauen Gotteshäuser aus dem Grunde, weil Gottes Wort noch immer allein imstande sei, das Menschenherz zu erheben über die Zeit hinaus; wir bauen solche Gotteshäuser, weil Jesus uns das befohlen habe. Der Generalsuperintendent schloss mit dem Weihegebet, das die Gemeinde stehend anhörte.

Nach der Weihe sangen Mitglieder der St. Andreas-Chor-Vereinigung das Quartett von Bach „Bis hierher hat mich Gott gebracht“, und darauf nahm der Gottesdienst seinen Fortgang. Nach der Liturgie und einem zweiten Bach’schen Quartett „Verzage nicht, du Häuflein klein“, sang man das alte Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott“, und darauf hielt Pastor Brandt die Festpredigt. Freudige Empfindungen seien es, die heute unser Herz bewegen. In einer kurzen Zeit, aber nach Überwindung vieler Schwierigkeiten, sei jetzt das Werk glücklich beendet. Die Gemeinde habe sich dadurch das Bürgerrecht erworben. Als vor 40 Jahren die erste evangelische Familie nach Harsum kam, da sei ihr recht wehmütig ums Herz gewesen. Sie sei fremd unter Fremden gewesen, es fehlte das festeste Band, der gemeinsame Glaube. Später, als die evangelischen Einwohner an Zahl zunahmen, hätten ihnen zwar die Pforten der St. Andreaskirche in Hildesheim offen gestanden. Sie seien auch gern gekommen, waren aber immerhin doch nur Gäste. Vor vier Jahren, so betonte Pastor Brandt, habe man im Speisesaal der Ziegelei eine Unterkunftsstätte erhalten und heute endlich sei das eigene Gotteshaus glücklich vollendet. Der heutige Tag sei deshalb ein Tag reiner dankbarer Freude. Pastor Brandt richtete darauf herzliche Dankesworte an all die Förderer des schönen Werkes, an das Landeskonsistorium, den Kirchenvorstand von St. Andreas, den Evangelischen Bund, den Gustav-Adolf-Verein, an die sonstigen Gabenspender, an alle, die mit Rat und Tat, durch Spenden und Stiftungen an der Durchführung des Baues mitgearbeitet haben, an die Bauherren, die Bauleiter und alle am Werk beschäftigt gewesenen Arbeiter. Zum Schluss forderte Pastor Brandt zum Festhalten am alten evangelischen Glauben in deutscher Treue und niedersächsischer Zähigkeit auf.

Nach Beendigung des Gottesdienstes, für den an Stelle der fehlenden Orgel vorläufig ein Harmonium Verwendung findet, das Organist Sievers heute spielte, begaben sich die Festteilnehmer zum Niemann’schen Saale, wo man bis zum Abgang der Züge bei einer Kaffeetafel vereinigt blieb.


Die Kapelle.
Die Kapelle ist im östlichen Teile des Dorfes, unweit des Elektrizitätswerkes, etwas abseits von der Eisenbahnlinie, errichtet. Sie ist in einfachen Formen gehalten und macht, von außen und innen betrachtet, einen freundlichen Eindruck. Die niedersächsische Art ist durch ein steiles, rotes Dach gewahrt worden. Ein flottes Türmchen krönt den ganzen Bau, in dem die beiden Kirchenglöckchen von un an ihren Ruf ertönen lassen werden. Die Kapelle bietet für 200 Personen Platz. Sie soll nicht nur als Gotteshaus, sondern auch als Gemeindehaus Verwendung finden. Die Innenausstattung ist einfach, aber freundlich. Auf der Empore ist ein Harmonium aufgestellt worden, das später einer Orgel Platz machen soll. Der Altar ist ebenfalls in einfacher Art gehalten. Es fehlen noch ein Taufstein und andere Ausstattungsstücke, ebenso war die Beleuchtung heute nur eine provisorische. Die Kapelle ist auf einem vom Eisenbahnfiskus gekauften Gelände errichtet worden. Infolge der Nähe des sogenannten Eisenbahnteiches musste ein solides, 1,75 Meter starkes Fundament geschaffen werden, damit der wasserreiche Grund keine Schädigungen verursacht. Der Bau wurde von Architekt Weferling-Harsum nach den Plänen von Hartjenstein und Brabandt-Hannover errichtet. Einschließlich Grunderwerb war ein Kostenaufwand von 30 000 M erforderlich. Der eigentliche Kapellenbau erforderte 23 000 M. Die gesamte Summe ist zwar noch nicht vollkommen vorhanden. Man hofft aber, durch weitere Spenden die Schulden bald abtragen zu können. Das Landeskonsistorium leistete zum Bau eine Beihilfe von 10 000 M.

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(Abschrift eines Zeitungssausschnitts aus dem Kurier)

Die Einweihung der Kapelle

Glückliches Harsum. So durfte man gestern wohlberechtigt ausrufen. Die sonst ruhige geschäftige Gemeinde konnte gestern in der Tat doppelt glücklich sein, denn einmal wurde sie um ein Gotteshaus, um eine evangelische Kirche, bereichert und dann hat Harsum sicherlich noch niemals so viele Menschen in seinen Mauern gesehen, wie am Sonntag, 10. November. Also, glückliches Harsum! Und Harsum selbst und seine Bewohner hatten natürlich Festkleider angelegt und die letzteren fröhliche Festmienen aufgesteckt, sow ei sichs gehört, wenn man großen Besuch, Massenbesuch aus der Stadt, aus Hildesheim erhält, wenn man einen freudigen Festtag begeht, wenn man einen Verkehrstag hat ähnlich Hildesheim mit seinem gleichzeitigen Bernwardssonntag. Der Zut um 2.06 Uhr mittags brachte viele hunderte Menschen aus Hildesheim nach der Festgemeinde, so viele, dass der schon lange Zug bald noch Wagen hätte anhängen müssen. Menschen aller Gesellschafts- und Berufsstände, im Dienste der Wohltätigkeit stehende Schwestern, Arbeitervereine mit Fahnen etc., Evangelische und Katholiken. Jawohl, auch katholische Mitbürger befanden sich darunter. Und dies konstatieren wir mit doppelter Genugtuung, denn es ehrt und adelt das Toleranzgefühl der Hildesheimer ebenso wie dasjenige der Harsumer, die, obwohl bekanntlich in der großen Mehrzahl katholisch, gemeinsam mit ihren evangelischen Brüdern und Schwestern mitfeierten, sich mitfreuten.

Gleich beim Bahnhof schon grüßten die Gäste die lustig im Frühlingswinde wehenden Fähnlein vom Turme der der Weihe entgegensehenden Kapelle. Des Dichters Gesang: „Droben stehet die Kapelle“ passt freilich nicht gut auf die neue Harsumer Kapelle. Sie steht nicht hoch oben auf dem Berge, sondern sie erhebt sich auf ebener Erde und doch steht das Gotteshaus so stolz und majestätisch, so unendlich stimmungsvoll da, wie die Kapelle des Dichters in seinem Gesang: „Droben stehet die Kapelle“. Wenn dann einmal die Jahre gekommen sein werden, wo man den alten Graben dort dicht vor der Kirche zugeschüttet haben wird, dann gewinnt die schmucke Schöpfung evangelischen Glaubens, evangelischer Treue und Zusammengehörigkeit noch bedeutend mehr an Wert, an Stimmungszauber. Ein Schmuckstück ist es wahrlich, innen und außen. Außen wie ein schweizerisches Landhaus anmutend, zur Wohnung, zur Erbauung so recht verlockend; innen so einfach und doch anheimelnd, so tief erbauend und doch so gottergeben. Die Malerei so einfach und doch vornehm schön, so würdig. Freilich fehlt noch die richtige Kanzel, die richtige Orgel, es fehlt ein Taufstein, es fehlt der richtige Kronleuchter. Diesem allen dient jetzt je ein Provisorium. Denn es fehlt der kleinen aufstrebenden Kirchengemeinde an Geld. Aber gute Seelen finden sich; sie werden sich auch hier finden. Wenn einmal eine solche wohltätige gute Seele aus Hildesheim oder aus Harsum oder den anderen Umgegendorten den ehernen Zungen der Glocken der Harsumer Kapelle eines schönen Sonntags folgt, das Gotteshaus betritt und sich mit erbauen lässt mit der gläubigen Gemeinde, wenn sie sieht, wie primitiv das alles noch ist, und wie man trotzdem mit gläubigem Herzen bei der Sache ist, wer das miterlebt hat und eine offene Hand zeigt, der wird gern diese offene mildtätige Hand auftun und der kleinen aber treuen Kirchengemeinde zu einer besseren Ausschmückung des Kirchleins verhelfen. Möchten sich viele solche finden. Die Gemeinde wird sich dankbar dafür erweisen durch häufigen, regen Besuch der Kirche, die mit dem Chor mindestens 300 Personen zu fassen vermag.

Einfach und doch erhebend gestaltete sich der Abschied von der derzeitigen Erbauungsstelle, dem einfachen Speisesaal in der Ziegelei, wo Pastor Brandt kurze Abschiedsworte sprach und wo die Posaunenmusik erscholl. Und sogleich gings in geschlossenem Zuge mit der Geistlichkeit und der Musik nach der neuen Kapelle.

Die Kirchengemeinde rückte gegen 3 ½ Uhr im geschlossenen Festzug mit Posaunenmusik vor der neuen Kapelle, die ringsum von Guirlanden- und Flaggenschmuck umgeben war, an und sogleich öffneten sich nach der Übergabe des Schlüssels die Pforten. In wenigen Minuten füllte sich das Gotteshaus oben und unten so, dass Hunderte keinen Eingang mehr finden konnten.

Und nun allgemeines Staunen, allgemeine Freude. Das Harmonium ertönte, die Gemeinde sang mit frischer Lebendigkeit und innerlicher Wärme ihre Lieder, ein Quartett und ein Duett trug herrliche Perlen kirchlicher Musik vor, wobei die glockenreinen lebendigen Sopran- und Bass-Stimmen besonders zu Herzen gingen. Pastor Brandt hielt den liturgischen Gottesdienst und die Festpredigt und Generalsuperintendent Dr. Hoppe nahm die Weihe mit einer herzlichen Ansprache vor.

Die Platzverhältnisse heute verbieten es uns leider, die Weiherede sowohl wie die Festpredigt zu skizzieren. Wir können beide nur ganz kurz streifen.

Generalsuperintendent Dr. Hoppe verglich den heutigen Tag mit der großen Tempelweihe aus der israelitischen Zeit. Trotz dem das kleine Harsumer Gotteshaus nicht im entferntesten mit dem damaligen goldschimmernden Tempel zu vergleichen ist, so müssen man doch wie damals jubeln, sofern man berücksichtige, unter welchen Verhältnissen die Kirche hier entstanden ist. Man müsse allen den Menschen dankbar sein, die mitgeholfen haben, dass die Gemeinde, welche sich in den letzten Jahren so entwickelt hat, das Gotteshaus erhalten konnte. Der Generalsuperintendent legte weiter klar, warum man Gotteshäuser baue und weiter bauen werde und warum man dieses liebliche Gotteshaus in Harsum erbaut habe. Er schloss mit dem Wunsche, dass die Gemeinde, allen Spöttern gegenüber zum Trotz, sich hier zahlreich versammeln und dass hier ein großes Volk zur Ehre Gottes emporwachsen möge.

Über die Rede des Herrn Pastor Brandt wie über den weiteren Verlauf der Feier berichten wir morgen.

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(Es folgt die gedruckte Festfolge zu dem

„Fest-Gottesdienst zur Einweihung der evang.-
luth. Kapelle in Harsum am Sonntag, den 19.
November 1911, nachmittags 3 Uhr“

mit den Gemeindegliedern usw.)

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Der Tag der Kapellenweihe war für die Harsumer evang. Gemeinde ein Tag der Freude und des Dankes. Endlich am Ziel nach 4 Jahren Vorbereitung! Eine kurze Zeit eigentlich, aber wie viel Kämpfe und Sorgen neben vielen erhebenden Stunden und Feiern umfasste sie.

Ich gebe nun noch einige Ergänzungen zu den Zeitungsberichten.

Neben den Gemeinden und Freunden, welche uns hochherzig geholfen hatten, waren auch der kath. Ortspfarrer Mellin und sein Primissarius, d.h. Hilfspfarrer, eingeladen. Sie kamen natürlich nicht, antworteten aber wenigstens. Mellin schrieb:

„Harsum, den 17. November 1911.
Dem verehrlichen Kirchenvorstande teile ich hierdurch ergebenst mit, dass ich an der Einweihungsfeier der ev-luth. Capelle in Harsum am 19. d.Mts. leider nicht teilnehmen kann, da ich dienstlich verhindert bin.
Pastor Mellin
An den Kirchenvorstand
St. Andreas zu Hildesheim.“

Der Hilfspfarrer wünschte sogar Gottes Segen:

„An den Kirchenvorstand von St. Andreas in Hildesheim.
Für die Einladung zur Einweihung der evangelisch-lutherischen Kapelle besten Dank. Leider kann ich in Folge einer starken Erkältung, die mich schon mehrere Tage in der Ausführung meines Dienstes stark behindert, an der Feier nicht teilnehmen. Ich wünsche Ihnen zu Ihrem Unternehmen Gottes Segen und bin
Hochachtungsvoll K. Vollmer, Primissarius.“

Architekt Wendsbourg bedauerte, ebenso die Architekten Hartjenstein und Brabandt, die angeblich die Einladung erst zwei Tage vor dem Fest erhalten hätten, wegen dringender Geschäfte, in Wirklichkeit, weil sie bei der Feier nicht in Erscheinung treten konnten, da Weferling-Harsum als örtlichem Bauleiter die Überreichnung des Kirchenschlüssels an mich zu vollziehen hatte. – Regierungsbaumeister Winter-Hildesheim war ebenfalls verhindert, betonte aber, dass er „dem Bau dieser Kapelle seit seinem Hiersein ein lebhaftes Interesse entgegengebracht habe“. Der Landrat Heye des Landkreises Hildesheim dagegen folgte der Einladung.

Sehr nette Glück- und Segenswünsche sandten die Gustav-Adolf-Zweigvereine, die keinen Vertreter senden konnten, so der Zweigverein Gielde durch seinen Vorsitzenden Pastor Gerdes mit den Bibelsprüchen Psalm 84, 2: „Gott der Herr ist Sonne und Schild, der Herr gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.“ und Hebr. 10,38 u. 39: „Der Gerechte aber wird des Glaubens leben. Wer aber wuchern wird, an dem wird meine Seele keinen Gefallen haben. Wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die da glauben und die Seele erretten.“ – Kirchenvorstand und Gemeinde Schwiechelt wünschten durch ihren Pastor B. Illing: „Gott schenke der Gemeinde viel Gnade und Friede durch die Erkenntnis unseres Herrn Jesu Christi, dass sie samt und in einem Geiste kämpfen für den Glauben des Evangelii und in demselben allewege fest und beständig bleiben!“ – Der Kirchenvorstand von Mechtshausen durch Pastor Seidel: „Möge von dieser Kapelle reicher Segen ausgehen!“ – Pastor Neddenriep, früher Ministerialkollaborator in Hildesheim, der öfter Gottesdienste in Harsum gehalten hatte, schrieb aus Bovenau Krs. Rendsburg, Schleswig-Holstein, freudig bewegt über die Einladung und über die Einweihung der Kapelle. Er sandte ihr zugleich als Geschenk eine schöne Altar-Bibel. – Im Namen des Hauptvereins Hannover der evang. Gustav-Adolf-Stiftung schrieb Superintendent Beyer, Hannover-Linden II: Wegen des Jahresfestes des Bezirksvereins in Barsinghausen am selben Tage könne leider kein Vertreter gesandt werden. „Wir wünschen der jungen evangelisch-lutherischen Gemeinde Harsum ein fröhliches Gedeihen. Möge viel Kraft und Gottessegen aus dem neuen Gotteshause in die Häuser der Gemeinde hinausziehen unserm Gott zur Freude und der lutherischen Kirche zur Ehre; Möge die junge Gemeinde je länger desto mehr auch im Frieden mit den Andersgläubigen sich erbauen dürfen.“ Ähnlich schrieben viele Gemeinden.

Am Tage vor der Einweihung sah ich aufs Barometer: Es stand auf Sturm! Das Wetter war rau und regnerisch. Als wir aber in Harsum ankamen, lachte die Sonne und schien während der ganzen Feier. Im Ess-Saal der Ziegelei, der uns vier Jahre lang eine Heimat für unsere Gottesdienste gewesen war, hielt ich eine Abschiedsansprache. Der Abschied wurde uns allen schwer. Wir schieden dankbaren Herzens, denn der Saal hatte die erste Frühlingszeit der Gemeinde gesehen. Dann ordnete sich der Zug unter Vorantritt des Posaunenchores, der bis zur Kapelle Choräle spielte. Der Generalsuperintendent voran, dann wir zahlreichen Pastoren im Ornat. Einige trugen die im Sonnenschein golden leuchtenden Abendmahlsgeräte. Dann umzogen wir in Prozession die Kapelle unter den Klängen der Posaunen, Architekt Weferling übergab mir den Kirchenschlüssel, ich schloss mit einem Bibelspruch auf, und im Nu war die Kapelle mit etwa 300 Personen gefüllt, während draußen noch hunderte stehen bleiben mussten. Für sie hielt dann Pastor Gustav Crome an St. Lamberti einen Sondergottesdienst.

Die Weiheansprache des Generalsuperintendenten D Dr. Hoppe hatte zum Text 2 Chronika 7, 11-16. Meiner Predigt legte ich Epheser 2, 19-22 zu Grunde mit dem Thema: „Höre denn, du evang.luth. Gemeinde, was dein neu erbautes Gotteshaus zu dir sagt.“

1. Nicht mehr fremd auf unsicherem Boden, sondern daheim auf festem Grund. Drum greif‘ zur Harfe und singe!

2. Noch nicht fertig, aber bestimmt zu Wachstum und Vollendung. Darum greif‘ zur Kelle und baue!

 

Die Predigten liegen noch vor, die Dr. Hoppe’s in Mitschrift bei den Akten, meine im Original in meinen Predigtconcepten.

Die Kapellenräume waren nach einem von mir wohl überlegten, aus meiner Gemeindearbeit in Hildesheim heraus gewachsenen Plan gegliedert und gestaltet. Es lag der Gedanke zugrunde: Ein Zueinander von Gemeindehaus und gottesdienstlichem Raum. Darum hat die Kapelle vorn den Charakter eines niedersächsischen Hauses mit abgewalmten Dach, zwei Bogeneingänge rechts und zwei Hausfenster mit grünen Fensterklappen links. Durch den Vorplatz geht man gerade aus in den Kirchenraum, links in den Gemeinderaum, rechts die Treppe hinauf zur großen Orgelempore, auf der Platz ist für Posaunen- und Kirchenchor, Vereine usw. Links der Gemeinderaum soll in erster Linie dem schulmäßigen Religions- und kirchlichen Konfirmandenunterricht dienen. Die eichenen Schulbänke schenkte mir der Oberbürgermeister Dr. Ehrlicher. Ich durfte mir die besten aus älteren Beständen auf dem Boden einer Hildesheimer Volksschule aussuchen. Ferner sollten in dem Raum kleinere Männer – Frauen – Jugend – und Kirchenvorstandsversammlungen abgehalten werden. Die breite Flügeltür zum Kirchenraum dient der Verbindung der beiden Räume bei großem Besuch zu Festen und besonderen gottesdienstlichen Gelegenheiten.

Daran schließt sich der gottesdienstliche Raum mit langgezogenen Fenstern, Tonnengewölbe in Rabitzkonstruktion, die eine gute Akustik garantiert, und Nische mit Rundbogen für Altar und dahinter stehendem kanzelartigem Aufbau in geringer Erhöhung. Die Nischenform ist gewählt, damit Altar und Kanzel durch einen Vorhang verdeckt werden können. Zum Anbringen desselben sind Haken um den Rundbogen eingelassen. Der gottesdienstliche Raum sollte auch nebst dem Gemeinderaum zu außergottesdienstlichen Veranstaltungen wie Gemeindeabende, Vorträge, Gemeindefeste mit Kaffeetafel usw. benutzt werden. Darum musste der Altarraum verhängt und das Lesepult gegenüber in der Nähe der Eingangstür aufgestellt werden. Dann waren also beide Räume in einen Gemeindesaal verwandelt. Aus diesem Grunde wurde auch kein festes Gestühl gewählt, sondern Holzstühle von einfachen guten Formen, und der gottesdienstliche Raum erhielt eine zwar kirchlich würdige, aber mehr neutrale Vermalung. Außerdem hatte ich große Tafeln mit Böcken herstellen lassen, die in Hufeisenform im Kirchenraum aufgestellt, eine Festtafel abgeben sollten.

Diese Gemeindeversammlungen mit Benutzung des gottesdienstlichen, neutral gemachten Raumes sind aber zu meiner Zeit nicht in Erscheinung getreten, hauptsächlich darum, weil Amtsrat Lambrecht im Hinblick auf das Urteil der Katholiken Bedenken dagegen trug. Er mochte wohl recht haben. Der Gedanke war ja auch ungewohnt und reichlich „amerikanisch“. In konfessionell nicht gemischter Gegend wäre die Sache wohl unbedenklich gewesen. Die Gemeinde, die solche Veranstaltungen sehr liebt, hätte sich sicher bald gewöhnt. Wir haben uns daher bei Gemeindeabenden auf den zweiten Raum beschränkt, der ja auch für den Anfang genügte.

Der Dachreiter gehörte natürlich bei dieser Vereinigung von Haus und Kirche nicht auf das Erstere, sondern erhebt sich mit Recht über dem Altarraum. Das ist zwar zunächst von außen ein recht ungewohnter Anblick, aber sachlich wohl begründet. Leider hat man bei den später erbauten Kapellen in Hasede und Bavenstedt den Gemeindehausgedanken gänzlich unterschlagen und Kirchengebäude im veralteten Lokomotivenstil hingestellt ohne jeglichen anderen Versammlungsraum. Dieser Unverstand rächt sich empfindlich. Das Gemeindeleben hat den Schaden davon.

(Es folgt ein Bild der Kapelle gleich nach dem Bau mit einkopierten Bäumen, die in Wirklichkeit nicht vorhanden waren.)

Da das Elektrizitätswerk ganz in der Nähe war, wurde gleich eine elektrische Lichtleitung in die Kapelle, den Nebenraum und die Vorhalle gelegt.

Der provisorische Radkronenleuchter bestand aus einem Holzrahmen, der erstmalig bei der Einweihung und dann von Zeit zu Zeit mit Buchsbaumgrün umwunden war.

Und nun die Glocken. Zum Guss der Glocken bei Radler in Hildesheim war die Gemeinde eingeladen. Ich hielt dabei eine kurze Ansprache. Sie wurden so groß, wie das Türmchen irgend zuließ und geben einen hellen reinen Klang. Natürlich können sie mit den Glocken der übergroßen katholischen Kirche an Größe nicht konkurrieren, sind aber bewusst auf diese abgestimmt. Der Glockengießer Radler und ich stiegen eines Tages auf den Turm der kath. Kirche und ersterer stellte mit Hülfe eines eigenartigen flötenähnlichen Instruments die genauen Töne der großen Glocken fest, nach denen er dann die Töne unserer kleineren Glocken berechnete. Das ist ihm vorzüglich gelungen.

Die größere Glocke heißt die „Lutherglocke“, trägt die Inschrift: „Eine feste Burg ist unser Gott“ – „Wachet und betet“, und ist ein Geschenk des Herrn Amtsrat Lambrecht. Die kleinere, die „Johannisglocke“, hat die Sprüche: „Kindlein, liebet Euch untereinander“ – „Es werde Licht“, und wurde vom Glockengießer Radler, mit dem ich sehr befreundet war, gestiftet. Die Harmonie der Glockentöne mit denen der kath. Kirche sollte auch über die mancherlei konfessionellen Kämpfe hinweg die Gemeinsamkeit der christlichen Grundlage zum Ausdruck bringen.

Der Platz um die Kapelle wurde planiert und mit Rasen und Zierbüschen bepflanzt, vor dem Eingang ein vom Bahnmeister Söffge mit Kies beschütteter freier Platz hergestellt. Von dem Grundstück an der Langseite, dem Elektrizitätswerk und anschließenden Wohnhäusern gegenüber, ließen wir einen ebenso breiten Streifen liegen wie die anderen Anlieger. Auf diese Weise ist ein schöner breiter Fahr- und Fussweg entstanden, der natürlich Privatweg aller Anlieger ist und bleibt.

Nachzuholen ist noch, dass das schöne Altargedeck in der Kapelle, bestehend aus einer blauen Decke mit gestickter Rosenkante sowie einer leinenen mit Spitzen versehenen Überdecke, von den beiden Töchtern des Amtsrats Lambrecht angefertigt und geschenkt worden sind, desgleichen der Teppich vor dem Altar.

Die beiden versilberten Leuchter stammen von Fräulein Amalie Schwarze-Hildesheim.

Die Gesamtkosten des Kapellenbaues, bei dem kein einziger Unfall zu beklagen war, beliefen sich auf:

Kosten des 3 ¼ Morgen großen Platze 3715,44 M.
Reine Baukosten 31468,66 M.
Nebenkosten 72,90 M.

Zusammen 35257,00 M.

An Schenkungen wurden vereinnahmt 5473,65 M.
Das Landeskonsistorium zahlte 6000,-- M.

Zusammen 11475,65

35257,00
- 11475,65
Schulden 23783,35 M.

Die Kosten des Baues waren ursprünglich auf 15000 M veranschlagt. Die Verdoppelung der Kosten wurde durch die ungeheuren Fundamentierungsarbeiten verursacht. Es besteht ebenso viel Mauerwerk in der Erde wie über ihr.

Das Landeskonsistorium blieb hinter seinem Beitrag um 4000 M zurück. Den Schuldenrest streckte die Andreasgemeinde vor und sollte nach und nach zurückbezahlt werden. Am 1. April betrug die Schuld an die Andreaskirchenkasse noch 17000 M.

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VI. Die Weiterentwicklung bis zum Kriegsausbruch am 1. August 1914.

Es folgten nun im Ganzen ruhige Zeiten des inneren und äußeren Ausbaues.

Zwar wurden zunächst noch in geradezu diabolischer Weise von den Katholiken einige Sprengbomben geworfen. Amtsrat Lambrecht und Bahnhofsvorsteher Ohlmer hatten sie nicht beseitigen und damit der Gemeinde nicht den Lebensfaden abschneiden können. Jetzt musste man versuchen, mich los zu werden.

Ich war bei den Katholiken in und um Hildesheim der bestgehasste Mann. Die Pflege der Diaspora-Evangelischen, die mir aufgetragen war, sah man als einen konzentrischen Angriff auf den gesamten Hildesheimer Katholizismus an. Das ist ja nach katholischen Begriffen jede Aktion der Evangelischen, die ihren Besitzstand zu wahren sucht. Es ist diese eigentümliche, hochmütige Mentalität der Katholiken, die wir Evangelischen nie begreifen können, sie machen’s genauso wie die Engländer im Weltkriege mit dem Unterseebootkrieg: tun sie etwas Derartiges, so ist es natürlich ihr gutes Recht; tun wir dasselbe, so ist es ebenso natürlich das größte Verbrechen.

Nachdem nun 1908 der Hetzkrawall in Hasede gescheitert war, nachdem man den Kapellenbau in Harsum und den Erwerb des Kapellenbauplatzes in Algermissen nicht hatte verhindern können, steigerte sich die Wut gegen mich zur Siedehitze. In Hasede lief ich beständig Gefahr, des Abends überfallen zu werden. Ich trug deshalb beständig einen Revolver bei mir. Jetzt hoffte man, mich mit anderen Mitteln kalt machen zu können.

Beim Generalsuperintendenten Dr. Hoppe lief eine anonyme Anzeige ein, in der ich verschiedener Sittlichkeitsvergehen bezichtigt wurde. Ich sollte mit einer Witwe und einem Mädchen in unlauteren Beziehungen leben, auch eine katholische Frau mit Geld bestochen haben, damit sie zu unserer Kirche überträte. Statt diese infame, anonyme Angeberei, wie es sich gehört hätte, in den Ofen zu werfen, forderte mich Dr. Hoppe mündlich zur Rechtfertigung auf. Ich verzichtete jedoch, gab aber meinen drei Kirchenvorstehern Müller, Mehm und Henze auf, die Sache offiziell zu untersuchen. Nachdem diese sich von der vollkommenen Haltlosigkeit der Verleumdungen überzeugt und die Spuren bis ins katholische Lager hinein verfolgt hatten, erstatteten sie dem Generalsuperintendenten in gerade nicht angenehmster Tonart mündlich Bericht und die Sache war erledigt.

Dieser Infamie gegenüber war nach ihrem Scheitern die folgende Anprangerung in er Kornacker’schen Zeitung vom 11. November 1912 (nach einem Vortrag von mir in Hannover) nur noch ein schwaches Rückzugsgefecht:

„(Über angebliche, zähe Kämpfe der Protestanten um Duldung) wusste Herr Pastor Brandt aus Hildesheim auf dem Jahresfest des Gustav-Adolf-Vereins in Hannover zu berichten. Sehr interessant seien dabei namentlich „die fesselnden Schilderungen seiner Erlebnisse in Harsum, Hasede und Algermissen, die von zähen Kämpfen der dortigen Protestanten um Duldung zeugten“. Wir müssen es wirklich für ein starkes Stück erklären, wenn Herr Pastor Brandt solche Behauptungen in die Welt setzt. Ihm müsste am besten bekannt sein, dass das Vorgehen in Harsum und Algermissen eine Stellung voraussetzt, die den Kampf um Duldung wahrhaftig erübrigt. Wir erinnern den Herrn Pastor nur an die näheren Umstände bei der Entäußerung der Domäne Harsum, deren Veröffentlichung wir zur Zeit noch zurückstellen, uns aber vorbehalten, bei neuen unrichtigen Behauptungen des Herrn Pastor Brandt dieselben in breiter Ausführlichkeit zu besprechen. Wenn in Hasede durch die provozierende Haltung der Protestanten vor mehreren Jahren einige unreife Elemente zu bedauerlichen Exzessen sich haben hinreißen lassen, so berechtigt das den Herrn Pastor Brandt ebenfalls nicht, derartige Behauptungen in die Welt zu setzen und solche Einzelfälle in dieser die Protestanten des Gustav-Adolf-Vereins verhetzenden Weise zu verallgemeinern.“

Unsere Gottesdienste, die ich im Anfang alle sechs Wochen abhielt, die aber bereits von Sommer 1908 an alle drei Wochen stattgefunden hatten, wurden jetzt sogar vierzehntägig gefeiert.

So ist es bis zum Schluss meiner Amtstätigkeit geblieben. Da ich aber in Hildesheim schon drei gottesdienstliche Stätten zu versorgen hatte: die Andreaskirche, die Kapelle im Godehardigefängnis, der gottesdienstliche Raum im Gemeindehause und nun auch noch die Kapelle in Harsum, die Gottesdienste im Privathause in Hasede und schließlich auch noch die Gottesdienste in der jüngsten der drei Diasporagemeinden, in Bavenstedt im Privathause, so war es rein physikalisch gar nicht möglich, dass ich allein alle diese Gottesdienste hielt. Es wurde mir darum vom Geistlichen Stadtministerium der Ministerialkollaborator teilweise zur Verfügung gestellt. Dieselben haben mir dann in Harsum ausgeholfen und nach und nach Hasede fast ganz übernommen, während ich nach Bavenstedt (alle vier Wochen) noch lange alleine ging, der dortigen schwierigen Verhältnisse wegen.

Die Kollaboratoren, welche treulich mitgeholfen haben, waren:

Der erste Pastor war Pastor coll. Neddewiep 1908, jetzt in Uetze Kreis Burgdorf; der zweite coll. Hauenschild 1909, dann Pastor coll. Wiebe 1910 bis Anfang 1912. Dieser übernahm seit Oktober 1910 als erster Hasede fast ganz und hat dort sehr gut gewirkt, so dass er noch im besten Andenken steht. Auch in Harsum hat er öfter gepredigt und nahm an der Grundsteinlegung und Einweihung der Kapelle als Gast teil. Er wurde dann Schlossprediger und Konsistorialrat in Hannover und ist gegenwärtig Superintendent in Gottingen an St. Albani. – Sein Nachfolger war Pastor coll. Hittmeyer, jetzt Superintendent in Ilfeld, auch ein treuer Arbeiter (1912/13, 1913/14). Dagegen habe ich an Pastor coll. Hoppe, jetzt Superintendent in Celle, keine große Freude erlegt. Er war ein ganz besonders tüchtiger Prediger, aber sehr für seinen Ruf als solcher besorgt. Als ich ihn einst wegen Arbeitsüberhäufung bat, am Freitag in Groß Giesen eine Nottaufe zu halten, lehnte er ab mit der Begründung „er habe keine Zeit, er müsse seine Sonntagspredigt machen“. Sehr bald legte er seine Arbeit in Hasede überhaupt einfach „nieder“, obwohl er in aller Form damit beauftragt war und gar nicht das Recht hatte, nach eigenem Belieben zu verfahren. Mit Kriegsbeginn hörten die Ministerialkollaboratoren auf. Ein neuer wurde erst nach dem Kriege 1922 gerufen, ein baltischer Flüchtling, Pastor coll. Bielenstein, der dann bis zu meinem Fortgang von Hildesheim 1. Dezember 1923 und noch länger auch die Dienste der Diaspora mit versehen hat. Inzwischen hatte ich von 1919 an mir Vikare vom Landeskonsistorium erbeten, die ich zu unterrichten hatte, und die mir auch im Predigen zu ihrer eigenen Ausbildung halfen. Es waren die Kandidaten Betzler, Standvoss, Ohlmer, Brackhage, Kottmeyer, Wenzel und Bode, letztere drei gleichzeitig, schließlich noch bis zu meinem Fortgang 1923 cand. Brammer. Sie alle haben auch hier und da Gottesdienst in Harsum gehalten. Vorher in der kollaboratorenlosen Zeit hatte ich, um überhaupt die Gottesdienste aufrecht zu erhalten, die Pastoren der Umgegend gebeten, mit einzutreten. So haben geholfen: Pastor Reverey (Rautenberg), Heidemann (Soßmar), Alpers (Clauen) und Goßmann (Hohenhameln). Letzterer hat auch die erste Trauung in der Kapelle vorgenommen. (siehe Ohlmer a.a.O. S. 17).

Wie schon erwähnt, besuchten auch die Algermissener Evangelischen fleißig die Harsumer Gottesdienste, am fleißigsten der Malermeister Müller und seine Familie. Derselbe erzählte mir von den trüben Verhältnissen dort. Dies führte zu meinen Besuchen in Algermissen und der Erwerbung eines Kapellenbauplatzes, für den ich auch schon einen Entwurf von Hartjenstein und Braband machen ließ. Die Algermissener gehörten gastweise zu Lühnde, warne dort aber schlecht behandelt worden. Man hatte ihnen nicht einmal Kirchplätze einräumen wollen. Die etwaigen Amtshandlungen vollzog zwar Pastor Feldmann in Lühnde, kümmerte sich aber sonst um die Glaubensgenossen nicht im Geringsten. Als ich dies dem Generalsuperintendenten Dr. Hoppe erzählte, der allezeit ein warmes Herz für die Diaspora hatte, gern auf diesem Gebiet Fortschritte sah und mir manchmal den Weg ebnete, veranlasste er, dass mir die geistliche Versorgung der Algermissener von der Behörde übertragen wurde. Nun aber erhob Pastor Feldmann ein großes Geschrei wegen Beeinträchtigung seiner Parochialrechte, die er erst jetzt entdeckt hatte, und ließ durch den Pfarrverein in dessen Blatte Radau schlagen. Die Behörde kümmerte sich aber nicht darum. Nicht lange darauf starb er. Von seinem Nachfolger Pastor Braess, den ich besuchte und anfeuerte, erwartete ich, dass er sich als junger Mann der verlassenen Algermissener besser annehme und besonders den Kapellenbau fördere, aber wiederum vergebens. Die Kapelle ist trotz mancher Anläufe seines Nachfolgers auch heute noch nicht gebaut. Der richtige Zeitpunkt ist verpasst worden. Ja, einige Algermissener wünschten sogar, um ihrerseits Land oder Gärten zu bekommen, dass der Bauplatz ihnen verkauft würde!! Als ich das erfuhr, habe ich das Landeskirchenamt sofort beschworen, doch auf keinen Fall diesem Ansinnen Folge zu leisten.

Das innere Leben der Gemeinde Harsum entwickelte sich im allgemeinen normal weiter, wenn auch durch Ab- und Zuzug ein leises Erlahmen in der ersten Liebe sich hier und da geltend machte. Nach wie vor hatten wir bei unseren Gottesdiensten Hildesheimer Besuch, auch den Posaunenchor brachte ich verschiedentlich mit.

Eines Tages kam zu mir nach der Kirche ein katholisches Harsumer Mädchen mit ihrem Bräutigam, evangelisch aus Rodenberg im Schaumburgischen, welche in unserer Kapelle getraut werden wollten. Ich war voll Freude und bat sie, zur Bestellung des Aufgebots zu mir zu kommen, wenn es soweit sei. Aber sie blieben aus. Nach längerer Zeit erfuhr ich von Bahnhofsvorsteher Ohlmer, dass das Paar doch wieder bereits katholisch getraut sei. Die katholischen Brauteltern hatten den aus gut und rein evangelischer Familie stammenden jungen Mann, der in das Haus seines Schwiegervaters, des Kaufmanns Meyer in Harsum, einheiratete, wie üblich bearbeitet und herumgekriegt. Vielleicht hatte man auch wirtschaftlichen Boykott angedroht. Nun trat unser Vorstand zusammen und beschloss, den Mann aus unserer evangelischen Gemeinde auszuschließen und ihn nicht zum hl. Abendmahl zuzulassen. Er ist dann auch nie erschienen, freilich auch nicht zur katholischen Kirche übergetreten. Nach etwa einem Jahre bekam er die Schwindsucht und starb. Am Abend vor seinem Tode läutete seine Schwester, die zur Pflege gekommen war, bei mir an, ich möchte kommen und ihm das hl. Abendmahl geben. Zunächst weigerte ich mich mit dem Anheimgeben, man möge zum katholischen Pastor schicken. Nach näherer Überlegung aber, dass ich doch einem sterbenden Menschen nicht das hl. Abendmahl verweigern könne, gleichviel welche Schuld er auf sich geladen hätte, sagte ich zu und fuhr sofort hin. Er war ziemlich dicht vor dem Tode. Ich fragte ihn, ob er seine Schuld bereue und er bejahte. Ich erinnerte ihn an sein gegebenes Versprechen und an seine katholische Trauung und fragte: „Würden Sie das noch einmal tun?“ Er antwortete: „Nein, niemals!“ Darauf gab ich ihm das hl. Abendmahl, tröstete ihn und betete mit ihm. In der Nacht starb er. Dann kam seine Schwester und bat mich, ihn zu beerdigen. Dies verweigerte ich und verwies sie an die katholische Kirche. Der Verstorbene habe ja alles getan, was diese von ihm verlangt habe. Er habe sich damit selbst aus der evangelischen Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen. Unser Vorstand habe ihm das nur bestätigt. Dem Sterbenden hätte ich das Sakrament nicht verweigern dürfen und mögen. Das bei der Beerdigung zu verkündende Wort Gottes gelte der Begleitung. Diese selber gebühre nur einem älteren Mitgliede unserer Kirchengemeinschaft. Das Einzige, wozu ich mich bereit erklären könne, sei: eine Feier für die evangelischen Angehörigen vor oder nach der Beerdigung. So wurde der Mann, da der katholische Pastor natürlich hohnlachend sich weigerte, ohne jede kirchliche Feier, auch ohne Glocken, beerdigt. Dieser Akt strenger Kirchenzucht war durchaus nötig, so wenig er an sich uns Evangelischen lag, und machte auch, namentlich auf die Mischehen, tiefen Eindruck.

Im katholischen Krankenhaus in Harsum lagen oft evangelische Kranke. Auch einige Alte hatten dort Dauerwohnung. Anerkennung verdiente, dass ich von der Oberin oft ohne weiteres davon telefonisch benachrichtigt wurde. Wenn ich kam, wurde ich sehr zuvorkommend behandelt. Auch wurde mir der Abendmahlstisch für Krankenkommunion würdig zurechtgemacht. Sogar Kaffee und Kuchen wurde mir mitunter angeboten.

Das Grundstück um die Kapelle herum wurde bald nach Vollendung des Baues instand gesetzt. Da der gute Boden beim Bahnbau namentlich am Teiche abgefahren war, so ließ Amtsrat Lambrecht im Winter 1911/12, wo seine Gespanne mehr Ruhe hatten, große Mengen Erde von den Rückständen der Zuckerfabrik, deren Aktionär er war, heranfahren. Das war sehr fruchtbare Erde, die das Grundstück wesentlich verbesserte. Ferner ließ er den Teich ausschlemmen, die Bordfläche schön abschrägen und sie unten durch Faschinen befestigen. Am ganzen Wege ließ er eine niedrige Mauer mit einem hohen, festen Maschendrahtstackett darauf ziehen, so dass das ganze Grundstück mit Ausnahme des verpachteten Gartenlandes umfriedet und geschützt war. Die großen Kosten dieser Anlage trug Amtsrat Lambrecht ganz allein!! – Der Gärtnereibesitzer Palandt in Hildesheim, der schon den Friedhof geschmückt hatte, ließ den ganzen Platz um die Kapelle mit Buschwerk und Rosen, sowie den Raum vor und um den Teich herum mit den schönsten Obstbäumen, abwechselnd Hochstämme und Zwergobst, gratis bepflanzen. Als dieselben später anfingen zu tragen, wurde mir das Obst auf Amtszeit als Nutznießung beigelegt. 1923 erntete ich dort schon 5 – 6 Zentner Äpfel und Birnen. Das Schneiden der Obstbäume besorgte ich selber.


VII. Die Kriegszeit 1914 – 18

Sie griff natürlich auch in unsere kleine Gemeinde sehr verhängnisvoll hinein. Viele Männer wurden zum Kriegsdienst eingezogen, einige starben den Tod fürs Vaterland. Ihre Namen wurden auf der Ehrentafel im Gemeindehause Andreas-Nord verzeichnet und sind dort zu finden. Am schmerzlichsten war es, dass auch der einzige Sohn des Amtsrats Lambrecht, Wilhelm Lambrecht, Referendar, fiel. Ich stand mit ihm im Briefwechsel, und in seinem letzten Briefe bat er mich, seinen alten Eltern und seinen beiden Schwestern schonend Nachricht zu geben, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Dieser Todesfall verband mich noch inniger mit dem Hause Lambrecht.

Im Jahre 1917 war die Gemeinde bis auf 84 Seelen zusammen geschmolzen!

Als die Not immer größer wurde, hat Amtsrat Lambrecht mir persönlich und meiner Familie so oft geholfen, dass wir ihm zu steten Danke verpflichtet bleiben.

Natürlich fehlte es den kleinen Leuten in der Gemeinde oft auch am Nötigsten. So wurde z.B. der grüne Molton-Vorhang vor dem Altarraum von unserer Hildesheimer Frauenhilfe zu Jungenshosen verarbeitet und verschenkt.

1915 geriet der Architekt und Käsemacher Weferling in gänzlichen Vermögensverfall, so dass er sein von ihm massiv erbautes Privathaus, gerade der Kapelle gegenüber, nicht halten konnte. Er bot es mir zum Erwerb für die Gemeinde an. Da es das einzige Haus im Besitz eines Evangelischen in Harsum war, so stand es mir von vorn herein fest, dass wir es unter keinen Umständen fahren lassen dürften. Es sollte ursprünglich 15000 M mit Garten kosten. Der Preis wurde aber schließlich auf etwa 13500 M herab gesetzt.

Aber woher das Geld nehmen? Ich suchte den Generalsuperintendenten Dr. Hoppe für den Plan zu interessieren mit der Begründung, dass das Haus zu einem Pfarrhause für einen jungen Diaspora-Pfarrer, dem auch die Versorgung der übrigen Dörfer obliegen könnte, geeignet sei. Vorher hatte ich an die Kirchenbehörde einen entsprechenden Antrag gerichtet. Dr. Hoppe besichtigte Haus und Grundstück und fand es für Pfarrhauszwecke zu klein. Auch habe die Behörde kein Geld zur Verfügung.

Dem Andreas-Kirchenvorstand konnten wir mit einem entsprechenden Antrage nicht gut kommen. Einmal hatten wir bei ihm noch 17000 M Schulden vom Kirchbau her, so dann hatte er gerade erst 30000 M für das Gemeindehaus Andreas-Nord an Beihilfe gegeben, und schließlich ging ihm doch das Verständnis für unsere besondere Lage in Harsum ab. So blieb nur die Hülfe des Kirchbauvereins Andreas-Nord. Ich bewog denselben, sämtliche auf dem Grundstück ruhenden Hypotheken zu übernehmen einschließlich des Zinsendienstes. Danach blieben noch 1650 M, die Weferling als einzigen Barertrag noch zu beanspruchen hatte, ungedeckt. Da nahm ich die Hülfe des Zentralvorstandes des Evangelischen Bundes in Berlin in Anspruch, und zwar durch Vermittlung des Landgerichtsdirektors Dr. v. Kampe, späteren Regierungspräsidenten in Minden und Landtagsabgeordneten des Preußischen Landtages, Mitglied der nationalliberalen Partei. Wir vier, Herr von Kampe, Amtsrat Lambrecht, Bahnhofsvorsteher Ohlmer, beschlossen in einer Sitzung in meiner Studierstube im Gemeindehaus an der Peinerlandstraße den Ankauf des Hauses und die Finanzierung. Der Evangelische Bund lieh die Summe von 1650 M her, die in den folgenden Jahren nach und nach wieder abgetragen wurde. Mangels eines Rechtsträgers – der Kirchenvorstand von St. Andreas wurde aus dem Spiel gelassen, überhaupt die ganze Sache sehr geheim gehalten – wurde Haus und Grundstück zunächst auf meinen Namen im Grundbuch eingetragen. Erst gegen Mitte der 20er Jahre, als alle Schulden bezahlt waren, wurde es an die Andreasgemeinde umgeschrieben.

Nun wurden in dem Hause zwei Wohnungen hergerichtet und die obere an den Gendarm Schlosser, die andere an den Bahnbeamten … vermietet, der zugleich den Küsterdienst in der Kapelle übernahm. Bisher hatte ihn Amtsrat Lambrecht durch eine seiner alten Arbeiterfamilien versehen lassen. Die Kosten der Instandsetzung betrugen etwa 1500 M, so dass uns das Haus etwa 15000 M kostete. Dafür hatten wir aber einen weiteren schönen Besitz für alle Zeiten erworben.

Eine weitere Vergrößerung unseres Grundbesitzes, die schon in die Vorkriegszeit fiel, betraf unseren Teich.

Wie erinnerlich, hatte die Eisenbahnverwaltung uns das untere Drittel des Teiches nicht mit verkauft, weil dasselbe zur Anschüttung eines Durchgangsweges neben den Eisenbahngleisen gebraucht werden sollte. Der Plan wurde nicht ausgeführt. Sofort stellte das Elektrizitätswerk Harsum, vorgeschoben vom Hofbesitzer Steinmann (Borsum), den Antrag auf Überlassung des Stückes. Vielleicht wollte er dann eine Scheune darauf erbauen, um unser Grundstück zu verschandeln. Bahnhofsvorsteher Ohlmer erfuhr dann durch den Geheimen Regierungsrat Deufel von der Eisenbahndirektion, der unsere Verhältnisse genau kannte und sogleich nach Harsum fuhr. Eine Konferenz, an der auch Superintendent Juhle teilnahm, beschloss auf den Rat Deufels hin sofort einen Antrag auf Ankauf des Teichstückes unsererseits zu stellen. Dies geschah und das Grundstück wurde uns aus Billigkeitsgründen verkauft, so dass wir nun den ganzen Teich besitzen. Der Preis betrug 480 M. Amtsrat Lambrecht hatte schon so viel getan, dass ihm das nicht auch noch zugemutet werden konnte. Der Kirchenvostand von St. Andreas hatte ebenfalls bereits sein Möglichstes geleistet. So trat dann Bahnhofsvorsteher Ohlmer als Retter in der Not auf, zahlte die 480 M und streckte sie der Gemeinde zinslos und unkündbar vor. (siehe Ohlmer a.a.O. S. 18 und 19).

Amtsrat Lambrecht, der unermüdliche Wohltäter der kleinen Gemeinde, hatte noch einen weit ausschauenden Plan. Er wollte die Gemeinde möglichst für alle Zeiten in ihrem Bestande sichern, auch wenn sie einmal aus der Verbindung von St. Andreas gelöst und ganz selbstständig werden würde. Das kann einmal der Fall sein, wenn durch irgendwelche Verhältnisse, z.B. industrielle Anlagen, vielleicht in Verbindung mit dem Stichkanal Hannover-Hildesheim, der an Harsum jetzt vorbeiführt, ein größerer Zuzug von Evangelischen nach Harsum stattfinden sollte. Das würden dann meist kleine Leute ohne Vermögen und ohne Grundbesitz sein. Durch eine Belastung derselben mit etwaiger Kirchensteuer könnte dann die Gefahr der Aufsaugung der Evangelischen durch die reiche katholische Gemeinde wieder herauf beschworen werden. Das würde nur zu vermeiden sein, wenn man der Kapelle Besitz zuwiese und aus deren Ertrag die Kosten der Unterhaltung ganz oder zum Teil bestritten werden könnten.

Nun besaß die Eisenbahndirektion am Bahnkörper zwischen Harsum und Algermissen noch 17 Morgen Land oder vielmehr Ausschachtungen, deren Inhalt seinerzeit zum Bau des Eisenbahndammes verwandt worden war, ähnlich wie in Harsum bei unserer Kapelle. Drei Teiche gehörten dazu. Diese Grundstücke kaufte nun Amtsrat Lambrecht an, und zwar durch Vermittlung von Bahnhofsvorsteher Ohlmer und mit Hülfe der Regierungsräte Geheimrat Deufel und Konitz von der Eisenbahndirektion Hannover. Amtsrat Lambrecht ließ nun durch seine Leute, wenn sie im Winter Zeit hatten, diese Ausschachtungen mit bester Rübenerde von der Zuckerfabrik nach und nach auffüllen, so dass allerbestes Land daraus wurde. Der verbleibende Rest diente als Fischteich. Dann wollte er diese 17 Morgen der Kapelle als Schenkung überweisen.

Leider ist dieser hochherzige Plan durch die Inflation und den Verkauf der Domäne in der Nachkriegszeit bisher nicht zur Ausführung gelangt.

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Am Sonntag, 9. Dezember 1917, feierten wir das 10jährige Jubiläum der Harsumer Gottesdienste. Morgens 7.03 Uhr fuhr ich mit der neuen Gemeindehelferin von St. Andreas-Nord, Schwester Martha Röber, und 7 jungen Frauen und Mädchen aus dem Singchor unserer Hildesheimer Gemeinde nach Harsum. Um 8 Uhr begann der Gottesdienst, feierlich eingeläutet durch unsere beiden hellen Glocken, welche dem Kriege noch nicht zum Opfer gefallen waren, während die katholische Kirche nur eine Glocke behalten hatte. Durch die Bemühungen unseres Freundes und Stifters der kleinen Glocke, Glockengießermeister Radler, der als Sachverständiger des Kriegsamtes fungierte, sind sie uns überhaupt erhalten geblieben. Er hatte berichtet, dass die Glocken nicht ohne große Schädigung des Daches und der Kirchendecke ausgebaut werden könnten. Dies entsprach durchaus den Tatsachen.

Die Kapelle war durch Schwester Martha und Frau Wachtmeister Schlosser festlich geschmückt, der Altar mit Tannengrün und Lilien, ebenso die Rundung über der Apsis. Zur Seite des Altars standen Topfpflanzen, der Kronleuchter war mit neuem Buchsbaum umwunden, trotz der Lichterknappheit brannten alle Lichter. Von dem verbliebenen Rest der Gemeinde (84 mit Kindern) waren 40 – 45 erschienen.

Der Gottesdienst begann mit dem Lied Nr. 23: „Macht hoch die Tür …“, alle Verse. Hierauf sang der Chor eine Motette und ein Kind, Hedwig Schlosser, trug ein Adventsgedicht vor. Der Gottesdienst verlief dann in der üblichen Weise mit Schriftverlesung J.60 Gemeindelied: „Wie soll ich dich empfangen“ und Predigt, wie vor 10 Jahren, über Matth 21, 1-9: „Siehe Dein König kommt zu Dir“, 1) Sein ist das Reich. Das wollen wir uns sagen lassen zur Freude und zum Trost. 2) Sein ist die Kraft. Das wollen wir andern sagen zum Trutz. 3) Sein ist die Herrlichkeit. Das soll uns mahnen zur Treue. Einleitend und sonst mehrfach wies ich hin auf das gerade gefeierte Reformationsjubiläum und auf unser Jubiläum in schwerer Kriegszeit. Wie gut, dass wir einen König haben usw. Vor der Predigt sang noch der Chor: „Dein König kommt, Jerusalem!“ Nach dem Liede Nr. 25, Vers 6, wurde im Gottesdienst der Sohn des Unterassistenten Deeke (Harsum) getauft, dann Lied Nr. 202, Vers 6, Segen, Chor: „Tochter Zion“, zum Schluss Lied Nr. 31,6.

Nach dem Gottesdienst hatten Amtsrat Lambrecht uns 9 Hildesheimer zum Kaffee eingeladen, bei dem wir fröhliche Stunden verlebten. Mit Äpfeln beschenkt, zogen wir zu Fuß nach Hause, weil wegen des Krieges nur zwei Züge, morgens und abends, am Sonntag verkehrten. Amtsrat Lambrecht hätte uns gerne hinfahren lassen, konnte es aber nicht, weil seine wenigen Pferde müde und abgetrieben waren. Er hatte noch 20 Morgen Rüben nicht gerodet. Das Kraut war schon abgefahren. Das Wetter war aber gut. Während des Gottesdienstes schien die Sonne vom blauen Himmel, nachher fielen ein paar Tropfen Regen. Wir kamen aber trocken nach Hause, so dass unsere schlechten Stiefel mit durchgelaufenen Sohlen uns nicht schadeten. Es war ein schönes Fest, das wir dankbar begingen. (Hildesheim, 9. Dez. 1917, C. Brandt, Pastor).

Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, dass Lehrer Tostmann den Religionsunterricht in Harsum niederlegte. Vielleicht war es die Folge davon, dass der Ministerialkollaborator, der die Gottesdienste in Harsum übernahm, auch den Religionsunterricht in der dortigen Schule für unsere Kinder anstelle des bisherigen Hildesheimer Lehrers Roterberg zu erteilen anfing. Beide Herren, Roterberg und Tostmann, haben gewiss nach ihrem besten Können den Religionsunterricht im Auftrage der Regierung erteilt. Sie erhielten dafür 120 – 150 M aus der Schulkasse bzw. direkt von der Regierung. Herr Tostmann hat daneben in der uneigennützigsten Weise von Anfang an in den Gottesdiensten in Harsum das Harmonium gespielt, und zwar gratis und franko, d.h. er zahlte immer aus seiner Tasche auch noch die Reisekosten, wie wir anderen übrigens auch. Es war eben die Zeit der ersten Liebe, wo alles freiwillig und umsonst geschah, aller Bedarf geschenkt wurde, geschweige denn dass jemand eine Entlohnung beansprucht hätte. Alles war Opfer, rein um der Sache willen gebracht. Aber wie das Verhältnis zwischen Schule und Kirche, Lehrer und Pastor nun einmal war: eine Zusammenarbeit der beiden war nicht zu erreichen. Ich habe z.B. Lehrer Roterberg in all den Jahren nur zweimal flüchtig gesehen. Das war natürlich in der Diasoporaarbeit ein unmöglicher Zustand. Nur das genaueste Einverständnis zwischen Lehrer und Pastor und ihr sorgsamstes Hand-in-Hand-arbeiten derselben konnte den gewünschten Erfolg haben. Dafür hatten aber die Lehrer, auch die Besten, damals absolut kein Verständnis. Ich sorgte also dafür, dass der Kollaborator in Hasede den Religionsunterricht übernahm, der zuerst ja ganz unter meiner Leitung die Gemeinde mit mir abwechselnd gottesdienstlich und seelsorgerlich versorgte. Bald darauf legte auch Tostmann den Religionsunterricht in Harsum nieder. Oder vielmehr: Er wurde als kriegsdienstpflichtig eingezogen, kam aber nicht ins Feld, sondern musste auswärts einen Lehrer vertreten. Nach seiner Rückkehr übernahm er den Religionsunterricht nicht wieder, den ich inzwischen persönlich übernommen hatte. Aber den Organistendienst tat er bis Herbst 1917 weiter.

Dann aber hatte ich mit dem 1. Oktober 1917 die erste Hildersheimer Gemeindehelferin, Schwester Martha Röber, im Nordbezirk von St. Andreas angestellt. Die Finanzierung war schwierig im Anfang. Das Gehalt bestand aus 600 M Überschuss aus dem von mir am 1. April 1917 gegründeten und geleiteten „Evang. Gemeindeblatt für Hildesheim“ und 600 M Zuschuss vom Landeskonsistorium. Darum war es mir sehr willkommen, dass ich nun den mir von der Regierung in aller Form rechtens übertragenen schulmäßigen Religionsunterricht in Harsum, der natürlich in der Kapelle erteilt wurde, an Schwester Martha Röber weitergeben konnte, nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass sie dazu fähig war, denselben unter meinem Beistand zu erteilen. Die 150 M Entschädigung dienten zur Aufbesserung ihres Gehalts. Auch den Organistendienst übernahm nun die Gemeindehelferin, die zu all diesen Diensten hervorragen befähigt war, und mit der ich all die Jahre aufs Allerbeste zusammen arbeiten konnte.

Die Konfirmanden von Harsum nahmen selbstverständlich immer am Unterricht im Nordbezirk von St. Andreas teil. Den Bedürftigen unter ihnen, wie auch aus den übrigen Diasporadörfern, wurde das Reisegeld erstattet, auch ihnen Konfirmationskleidung immer nach Kräften beschafft.

VIII. Nachkriegszeit 1918 – 1923.

Es bleibt nun nicht mehr Vieles zu berichten. Das Gemeindeleben nahm nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges seinen normalen Fortgang, wenn auch nach außen hin große Umwälzungen erfolgten.

Dem mit der herrschenden Sozialdemokratie verbündeten Zentrum war es nun ein Leichtes, den alten Plan der Katholiken zu verwirklichen: Verkauf und Teilung der Domäne. Die Ländereien wurden parzelliert, zum Teil auch an den Stichkanal Hannover-Hildesheim abgetreten, dessen Bau nun in Angriff genommen wurde. Amtsrat Lambrecht aber, den man doch nicht ganz übergehen konnte, weil er mehr als 30 Jahre dort ansässig gewesen war, erwarb klugerweise das Wohnhaus mit Garten und wird dasselbe sicherlich einmal nur in evangelische Hände gelangen lassen. Auf diese Weise ist der eigentliche Zweck der katholischen Spitzen des Dorfes, die Evangelischen hinauszudrängen, trotz alledem bisher nicht erreicht worden und wird es auch hoffentlich nie.

Auch der Kanalbau brachte große Unruhe. Die revolutionären Arbeiten hausten schrecklich. Große Wohnbaracken waren auf Harsumer Boden errichtet. Ich nahm die Seelsorge an den dortigen Arbeitern in Angriff. Es war kaum an sie heranzukommen. Alle lebten ja in der Hoffnung, es werde nun mit Kirche und aller Religion Schluss gemacht. Der Weizen der Freidenker blühte wie noch nie. In die Baracken gehen, hieß beinahe in die Höhle des Löwen eindringen. Dennoch musste ich meine Pflicht tun. Ich wandte mich an den Oberhäuptling über die Baracken, einen Freidenker, aber ganz freundlichen Mann, und er gestattete mir gnädigst, in den einzelnen Buden mich mit den Leuten am Feierabend nach 5 Uhr zu unterhalten. Ich tat es, auf der Tischkante sitzend, mit einer Pfeife im Munde und fand auch Zuhörer. Es kam eine ganz leidlich nette Unterhaltung über weltanschauliche Fragen zustande. Der Ton war rau aber herzlich. Natürlich flogen mir die Anklagen gegen Kirche und Christentum wie Brocken an den Kopf.

Gewonnenes Spiel hatte ich aber erst, als mir aus einer gegenüber liegenden Baracke das Gesicht eines alten Freundes, des Kommunisten und Säufers Velde, entgegen grinste. Ich hatte ihn einmal im Kriege, als er bei Nachtfrost völlig betrunken in der Nähe meiner Wohnung am Sachsenring auf dem Gebiet der Palandt’schen Gärtnerei niedersank, vom sicheren Tode errettet, in dem ich ihn auf einen Misthaufen schleppte, ihn dort mit Mist einstweilen zudeckte und ihn abend ½ 11 Uhr auf Betreiben meiner angsterfüllten Frau und mit ihrer Hülfe nach Hause schleppte. Hier flößten wir ihm heißen Kaffee ein und ich schleppte ihn dann in seine Wohnung, Vogelweide 14, 4 Treppen hoch, und legte ihn in sein Bett so wie er war. Seitdem war er uns treu wie ein Hund. Ich sorgte dann weiter für ihn.

Dieser Mann kam nun mit mir in die Baracken und führte mich ein. Da er höchst intelligent und so etwas wie ein kommunistischer Führer war, genoss er bei den Arbeitern großes Vertrauen, und ich nun mit seiner Hülfe auch, obwohl ich ihnen stets gründlich den Kopf wusch. Es war trotz alledem eine schöne Zeit.

Inzwischen wuchs die Inflation immer bedrohlicher. Meine Vikare Wenzel und Kottmeyer arbeiteten am Kanal mit Schaufel und Spaten im tiefsten Dreck, Vikar Bode als Lagerist-Buchhalter auf dem Kaliwerk Groß Giesen. Unsere theologischen Arbeiten zusammen beschränkten sich auf wenige Freizeiten. Wenzel und Kottmeyer verdienten sich aber durch ihre Arbeit wenigstens jeder einen Talar.

Äußerst schmerzlich war der Heimgang der alten Frau Amtsrat Lambrecht, der eine tiefe Lücke in die Familie riss. Sie war immer die ruhig-liebenswürdige Hausfrau und Familienmutter gewesen, der wir manche frohe Stunde in ihrem Hause, manches Mittagsbrot, manche schöne Kaffeestunde usw. verdankten. Nach längerer Kränklichkeit, die sich durch Jahre hinzog, kam der furchtbare Schlag über sie: der Tod ihres einzigen Sohnes in Frankreich am 9.8.1919 auf dem Felde der Ehre, 31 Jahre alt. Das hat ihr das Herz gebrochen. Sie starb am 16.3.1926, 81 Jahre alt. Auf dem Zentralfriedhof in Hildesheim, wo Amtsrat Lambrecht ein Erbbegräbnis hergerichtet hatte, haben wir sie zur letzten Ruhe gebettet. Ehre ihrem Andenken!

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Die Inflationszeit gestattete es, dass wir unsere sämtlichen Schulden los wurden. Von den 17000 M, welche wir St. Andreas schuldeten, hatte ich mit Hülfe laufender Unterstützungen seitens des Gustav-Adolf-Vereins Hannover und des Zweigvereins Hildesheim, des Evangelischen Bundes, der Miete unseres Hauses und der Pachte aus unserem Grundstück, auch anderer bei Vorträgen außerhalb und sonst gesammelter Gelder, schon 4000 M vor der Inflation abgetragen. Die restlichen 13000 M zahlte ich im Anfang derselben mit noch einigermaßen gutem Gelde zurück. Ebenso die Schulden an den Evangelischen Bund in Berlin und den Kirchbauverein Andreas-Nord. Als ich im Herbst 1923 Hildesheim verließ, waren längst sämtliche Schulden getilgt.

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Am Totensonntag (besser Ewigkeitssonntag) 20. November 1921 konnten wir das 10jährige Kirchweihfest der Kapelle in Harsum in feierlichem Gottesdienst begehen. Derselbe fand um 1 Uhr mittags statt. Mitwirkende waren diesmal wieder der Posaunenchor Andreas-Nord und die Altistin Fräulein Elli Lambrecht, meine frühere Konfirmandin. Als Organist fungierte mein Sohn, der Pianist Georg Brandt.

Die ganze Gemeinde nebst allerlei Gästen aus Hildesheim war versammelt. Erstere feierten zum Schluss das heilige Abendmahl.

Nach der Feier war ein gemütliches Beisammensein des Posaunenchors in der Niemann’schen Gastwirtschaft. Die Kosten dafür spendete wieder der 76jährige Amtsrat Lambrecht. Außerdem stiftete er 500 M zu beliebiger Verwendung, 100 M für den Posaunenchor und 100 M für den Jugendverein Andreas-Nord. Außerdem wurden meine Frau und ich, die Gemeindehelferin Schwester Martha Röber, meine Gemeindeschwester Diakonisse Louise Meyer und mein Sohn Georg zu Kaffee und Abendbrot im Gutshause eingeladen.

Wir waren 4. Klasse nach Harsum gefahren und besprachen unterwegs den Gottesdienst. Im Eifer der Unterhaltung ließ ich meine lederne Tasche mit Talar, Bäffchen, Oblaten, ½ Flasche Abendmahlswein und Agende im Zuge stehen. Erst in der Kapelle merkte ich den verhängnisvollen Verlust. Einer unserer Eisenbahnbeamten lief schnell zum Bahnhof und telefonierte hinter dem Zuge her. Die Tasche wurde aber in Sehnde, so der Zug hielt, schon nicht mehr gefunden. Nun wurde schnell cand. theol. Blumenberg, mein derzeitiger prächtiger Vikar, in Hildesheim telefonisch angerufen, er möge mir per Rad sofort seinen Talar bringen. Während des schmerzlichen Wartens konzertierten etwa eine ¾ Stunde lang Fräulein Elli Lambrecht und der Posaunenchor abwechselnd vor versammelter Gemeinde. Da es aber doch sehr unsicher war, ob der Chorreck noch rechtzeitig anlangte, entschloss ich mich schließlich zu einem etwas sonderbaren Ausweg aus dieser peinlichen Lage: Ich ließ die Diakonisse aus dem Gottesdienst rufen und zog einfach ihren Mantel als Talar an, obwohl er natürlich viel zu kurz war. Glücklicherweise fand ich noch einen Bogen reines Papier und schnitt mir Bäffchen daraus. So bestieg ich die Kanzel und hielt meine Jubiläumspredigt. Nach Beendigung derselben hatte Blumenberg seinen Talar glücklich gebracht und ich hielt in demselben noch die Abendmahlsfeier, zu der glücklicherweise noch hinreichend Wein und Brot vorhanden war.

Meine Tasche hielt ich für verloren. Die Sachen hatten damals einen Wert von etwa 1000 M. In Hildesheim angekommen, meldete ich sofort den Verlust an, aber vergeblich. Nach etwa 8 Tagen jedoch meldete sich bei mir ein junger Schmied aus Dinklar, der die Tasche an sich genommen hatte und in Algermissen ausgestiegen war. Vielleicht wollte er einen Finderlohn erhalten, aber dann hätte er seinen Fund doch sofort an der Sperre melden müssen. Wahrscheinlicher aber wollte er die Tasche behalten, hatte jedoch als Katholik vor dem Talar und vor allem vor den Abendmahlshostien Angst bekommen. Obwohl er so eine strafbare Handlung begangen hatte, war ich doch froh, dass ich meine damals unersetzlichen Sachen wieder erhielt und schenkte ihm 100 M (Hildesheim, 6. Dez. 1921, C. Brandt, Pastor).

Meine Predigt zum Jubiläumsgottesdienst hatte den Text Off. Joh. 21, 3 u. 4
Evang. Gemeinde, blick‘ auf zu Deinem Gott!
1. Voll Dankes für das, was er bei Dir vollendet hat,
2. voll Zuversicht zu dem, was er an Dir noch vollenden will.

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Der Kirchenvorstand von St. Andreas hatte mit folgenden Worten gratuliert:
„Wie wir erfahren, begeht die evang.-luth. Gemeinde in Harsum, am Sonntag, den 20. d. Mts., das 10jährige Jubiläum der Einweihung ihrer Kapelle. Es gereicht uns zur herzlichen Freude, der feiernden Gemeinde zu diesem Tage unsere Glückwünsche auszusprechen und ihr Gottes bleibenden Segen zu wünschen. Die Gemeinde hat inmitten der andersgläubigen Umgebung keinen leichten Stand. Umso mehr freuen wir uns mit ihr des nunmehr zehnjährigen Bestehens ihres Gotteshauses und hoffen zu Gott, dass alle für das evangelisch-lutherische Bekenntnis bewiesene Treue und alle für diesen Glauben gebrachten Opfer in der Gemeinde reiche Segensfrüchte tragen werden.
Der Kirchenvorstand der Andreasgemeinde. Boes.“

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Im Herbst 1923 verließ ich Hildesheim. Es ist mir sehr schwer geworden, mich von meiner lieben Andreasgemeinde und von meinen Diasporagemeinden Harsum, Hasede und Bavenstedt zu trennen, vor allem natürlich von Harsum. Aber ich konnte mit dem beruhigenden Gefühl scheiden, dass die kleine Gemeinde auf gesundem Grund stand und dass auch die äußeren Verhältnisse, soweit überhaupt möglich, gefestigt waren.

Nochmals sei zum Schluss mit großem Dank ausgesprochen: Ohne Amtsrat Lambrecht und Bahnhofsvorsteher Ohlmer und ihre treue, nie ermüdende Hülfe wäre das Werk unmöglich gewesen. Gott hat das schöne Glaubenswerk trotz ungeheurer Widerstände und Schwierigkeiten gelingen lassen. Den treuen Männern und ihren Familien gebührt für alle Zeiten ebenfalls Dank für die großen Opfer, die von ihnen gebracht wurden und, durch sie angeregt, von vielen anderen Glaubensgenossen!

Möge das nie vergessen werden!

Amtsrat Lambrecht und Bahnhofsvorsteher Ohlmer sind beide noch am Leben, während ich dies schreibe, ersterer über 90jährig in Harsum, in denselben Räumen, an derselben Stätte seiner nahezu 40jährigen mühe- und dornenvollen Lebensarbeit, letzterer seit vielen Jahren als Ruheständler in seinem Eigenheim in Heersum. Ich grüße die alten Kämpen und Mitstreiter und drücke ihnen im Geist in tiefer Bewegung die Hand! Ich vergesse bis zu meinem letzten Augenblick nicht, was sie hervorragendes geleistet haben im Dienst unserer Sache. Ich vergesse auch nicht, dass sie und ihre Häuser evangelisch geglaubt und evangelisch gelegt haben und damit der Gemeinde als führende Männer das beste Vorbild gegeben haben. Sie waren die treuesten Besucher unserer Gottesdienste und haben selten oder nie gefehlt, wenn Gottes Wort rief.

Die gemeinsame Erinnerung an die Frühlingszeiten unserer geliebten Harsumer Gemeinde wird der Sonnenschein unseres Alters sein!

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Nach meinem Fortgang ist die Diasporaarbeit im Nordbezirk von St. Andreas durch Anstellung eines hauptamtlichen Diaspora-Kollaborators ganz bedeutend gefördert worden. Es haben die schon von mir geplanten Kapellen in Hasede und Bavenstedt gebaut werden können. Nur Algermissen steht noch aus. Wennn auch da erst eine Kapelle steht, wird die äußere Organisation der evang.-luth. Diaspora im Norden Hildesheims vollendet sein und die Pflege erhalten haben, die ihr gebührt. Der innere Aufbau kann dann fortgesetzt werden. Gott segne die Häuflein von Glaubensbrüdern in katholischer Umgebung!

Von den Diaspora-Pfarrern aber darf erwartet werden, dass sie die Chroniken der kleinen Gemeinden mit größter Sorgfalt fortsetzen, auch die Vorgeschichte der Gemeinde näher erforschen. Das ist einfachste Ehrenpflicht und die Zeit ist dazu vorhanden und muss dazu vorhanden sein. In dem häufigen Wechsel der Kollaboratoren liegt eine Gefahr. Es wäre aber sehr schade, wenn die geschichtliche Kontinuität nicht gewahrt würde.

Und wenn ich mir nun zum Schluss als alter Diaspora-Kämpfer noch einige Ratschläge für die Arbeit erlauben darf, so sind es diese:
Selbstverständlich Gottes Wort! In verständlicher Sprache, packend, anfeuernd, tröstend, mahnend! Noch mehr Gebet im Kämmerlein, jeden einzelnen durchbetend! Und dann: Besuche, Besuche!!


Göttingen, 27. April 1934.

C. Brandt, Sup. i. R.